Berlin : Charité: Bei uns wird nicht geschlampt

Klinikum weist nach Keimbefall auf Frühchenstation den Vorwurf mangelnder Hygiene zurück Auch im Herzzentrum hatte sich im Oktober ein Säugling bei dem später verstorbenen Baby angesteckt.

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Saubere Hände. Die Leiterin des Instituts für Hygiene an der Charité, Petra Gastmeier, zeigte am Mittwoch eine statistische Tabelle über die Häufigkeit von Händedesinfektionen in der Klinik für Neonatologie, neben ihr saß deren Direktor Christoph Bührer. Die Belastung mit Serratien-Keimen hatte zu einem Todesfall geführt. Foto: dpa/Michael Kappeler
Saubere Hände. Die Leiterin des Instituts für Hygiene an der Charité, Petra Gastmeier, zeigte am Mittwoch eine statistische...Foto: dpa

Am Berliner Herzzentrum hat sich ein zweites Kind mit dem Serratien-Keim angesteckt, an dem ein Neugeborenes am 5. Oktober verstorben war. Das bestätigte der Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie, Felix Berger, am Dienstag auf einer Pressekonferenz von Herzzentrum und Charité. Der Junge, der aus einer Potsdamer Klinik kam, sei wie das später verstorbene Kind am 2. Oktober operiert worden und habe neben diesem gelegen, sagte er. Der Junge sei erfolgreich mit Antibiotika behandelt worden und könne am heutigen Mittwoch entlassen werden.

Die Ärzte gehen davon aus, dass der Keim, der nur für Menschen mit extrem geschwächtem Immunsystem wie Frühgeborene gefährlich ist, mit dem später verstorbenen Kind ins Herzzentrum gelangte. Dieses Kind war zwar nicht zu früh, aber mit schwerem Herzfehler zur Welt gekommen.

Deshalb hatte man es auf einer der Frühgeborenenstationen der Charité untergebracht, von wo aus es als Notfall ins Herzzentrum kam. Zu diesem Zeitpunkt war aber nicht bekannt, dass es mit dem Keim infiziert war.

Die Frühgeborenen-Stationen der Charité bleiben wegen des Keimbefalls weiter geschlossen, sagte der Ärztliche Direktor Ulrich Frei auf der Pressekonferenz. Von den 40 Frühgeborenen, die dort derzeit behandelt werden, seien 22 mit Serratien-Keimen befallen, sieben daran erkrankt. Doch alle seien in stabilem Zustand und hätten gut auf die Therapie angesprochen, sagte der Leiter der Frühgeborenen-Station Christoph Bührer.

Frei verwahrte sich scharf gegen Vorwürfe der Schlamperei. Die Mitarbeiter der neonatologischen Intensivstation seien „hochqualifiziert und hochmotiviert", sagte er. Äußerungen von Kritikern, wonach der Ausbruch auf mangelhafte Hygienemaßnahmen zurückzuführen sei und Angestellte deshalb entlassen werden müssten, wies er zurück. Er halte auch die Personalausstattung für vertretbar, obwohl der vom Robert-Koch-Institut (RKI) empfohlene Personalschlüssel von drei Pflegern pro Bett auf der Intensivstation für Frühchen vom Stammpersonal nicht erreicht werde: mit Extraschichten und Überstunden komme man auf 2,85 bis 2,91 Mitarbeiter pro Bett.

Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Keimausbruch auf die Infektion eines Frühgeborenen durch seine Mutter während der Geburt zurückzuführen, hieß es auf der Pressekonferenz. Das sei im Juli geschehen. Das Kind habe noch im selben Monat ein weiteres Baby angesteckt – danach habe es aber bis Ende September keine neuen Fälle mehr gegeben.

Dem widersprach am Dienstag der Leiter der Hygiene- und Umweltmedizin im Bezirk Mitte, Karl Schenkel. Von Juli bis Oktober seien im Virchow-Klinikum der Charité mehrere Fälle von Keimausbrüchen registriert worden. Er spricht von etwa 20 bis 30 Betroffenen. Da es Einzelfälle und die Stationen teilweise auch über längeren Zeitraum keimfrei waren, wurde es nicht gemeldet. Erst wenn mindestens zwei Patienten betroffen sind, muss das erfolgen. „Die Charité hat den Zusammenhang der Fälle nicht erkannt“, sagte Schenkel. Seit Montag ist er auch Chef des „Ausbruchsteams“, das die Vorfälle am Virchow-Klinikum untersucht.

Nachdem am 5. Oktober das mit dem Keim infizierte Neugeborene im Herzzentrum gestorben war und am 8. Oktober die Keime auch bei zwei Frühgeborenen in der Charité nachgewiesen worden waren, wurden alle Kinder gescreent, teilte das Krankenhaus mit. Dabei seien die weiteren Fälle festgestellt worden. Als die Ergebnisse da waren, wurde die Feuerwehr über einen Aufnahmestopp informiert.

Im Rückblick hätten die Verantwortlichen gerade noch rechtzeitig reagiert, erklärte Schenkel. „Der Aufnahmestopp hätte nicht später erfolgen dürfen.“ Dennoch ermittle das Gesundheitsamt, ob die Charité ihrer Meldepflicht seit Juli immer nachgekommen sei, sagte die Amtsärztin in Mitte, Anke Elvers-Schreiber.

Insgesamt fünf verschiedene Stationen am Charité-Standort in Wedding sind laut Schenkel von den Keimen befallen. Drei in der Geburtsklinik, zwei am Herzzentrum. Eine Station der Geburtsklinik sei jetzt wieder frei von Keimen. Aber: „Die genaue Zahl der Keimbesiedlungen kann sich minütlich ändern.“ Zum einen würden Eltern das Krankenhaus mit ihrem Neugeborenen verlassen – unter ärztlicher Aufsicht – oder neue Fälle registriert. Zudem sei ein Aufnahmestopp für das hochspezialisierte Herzzentrum kaum denkbar. Notfälle werden weiterhin angenommen. Bei planbaren Fällen werde den Eltern allerdings empfohlen, ein anderes Krankenhaus zu nutzen.

Man bemühe sich intensiv, die Infektionsquelle ausfindig zu machen. Hunderte Proben werden untersucht, darunter Seifen der Eltern, aber auch Desinfektionsmittel der Charité. „Bisher hat sich nichts Richtungsweisendes ergeben.“

Schenkel schließt nicht aus, dass die Quelle gar nicht gefunden wird. Zugleich werde die Hygiene im Krankenhaus penibel kontrolliert. Bisher sei das Virchow-Klinikum nicht negativ aufgefallen. Im Gegenteil: Bei jährlichen Untersuchungen wurde ein überdurchschnittlicher Verbrauch von Hände-Desinfektionsmittel registriert. Bei Kontrollen hätten sich die Mitarbeiter in 93 Prozent der Fälle die Hände desinfiziert, sagte Petra Gastmeier, die Leiterin des Hygiene-Instituts der Charité.

Natürlich gehe man auch Hinweisen nach, wonach ein Babybad als Keimquelle infrage komme. Im September hatte die Firma Rossmann einen Badezusatz für Babys zurückgerufen, der mit Serratia-Keimen kontaminiert war.

Während sich kritische Stimmen zum Krisenmanagement der Charité mehren, mahnt der Sprecher der Berliner Kinderärzte, Ulrich Fegeler, mehr Sachlichkeit in der Debatte an. „Noch wissen wir nicht, was die Ursachen für den Keimbefall sind“, sagte er: „Es unseriös und unfair, den Ärzten oder Schwestern aufgrund von Spekulationen die Schuld zuzuweisen. Ich weiß, was diese gerade auf der Frühgeborenenstation leisten.“

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