Charité : Den gefährlichen Keimen auf der Spur

Die Charité fahndet nach den Quellen der Infektionen am Virchow-Klinikum. Die Verbreitung der antibiotikaresistenten Erreger soll in den letzten Jahren in Deutschland stark zugenommen haben. Vermutlich wurden sie aus Südeuropa eingeschleppt.

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Auf einer Intensivstation des Virchow-Klinikums Wedding sind Patienten mit hoch resistenten Erregern infiziert. Foto: Q
Auf einer Intensivstation des Virchow-Klinikums Wedding sind Patienten mit hoch resistenten Erregern infiziert.Foto: Q

Jetzt sollen „Sofortmaßnahmen“ die weitere Verbreitung der gefährlichen antibiotikaresistenten Krankheitserreger auf einer Intensivstation des Virchow-Klinikums der Charité eindämmen: Die betroffene Station, auf der, wie berichtet, drei Patienten mit einer Unterart des Darmbakteriums Klebsiella Pneumoniae infiziert und zwei weitere symptomfrei besiedelt sind, wurde für Neuaufnahmen geschlossen. Auf der Station selbst sind die Patienten nach Angaben von Charité-Chefhygienikerin Petra Gastmeier streng voneinander isoliert worden. Die intensive Suche nach den Ursachen der Verbreitung des Bakteriums gehe weiter.

Der tückische Keim ist nach Auskunft des auf solche Erregertypen spezialisierten „Nationalen Referenzzentrums“ an der Ruhr-Universität Bochum in den vergangenen Jahren aus Südeuropa nach Deutschland vorgedrungen. Laut Martin Kaase, Vizechef des bundesweit für die Beratung von Kliniken zuständigen Zentrums, wird das Bakterium hauptsächlich durch unzureichend gereinigte Hände des Klinikpersonals übertragen. Kaase: „In deutschen Kliniken werden die Vorschriften zur Händedesinfektion mit Alkohol oft nur zu 40 bis 60 Prozent eingehalten.“

An der Charité hieß es am Mittwoch, die strengen Hygienerichtlinien am Virchow-Klinikum würden ausreichen. Man achte weiter darauf, dass sie „hundertprozentig“ beachtet werden.

Das Bakterium Klebsiella Pneumoniae gehört zu den natürlichen Keimen im menschlichen Darm. Gefährlich kann nur eine seltenere Unterart werden, die ein spezielles Enzym produziert. Dieses kann alle vier derzeit zur Verfügung stehenden Antibiotika-Klassen zerstören. Es macht den Erreger somit hochresistent.

Wird ein Mensch mit diesen sogenannten KPC-Keimen angesteckt oder entwickelt sich die Unterart von Klebsiella Pneumoniae im Darm durch zu viele und unspezifische Antibiotika-Gaben, die solche Resistenzen fördern können, so muss aber auch das noch nicht bedrohlich sein. Gesunde Menschen leiden darunter in der Regel nicht.

Ein hohes Risiko können die Keime aber für Menschen sein, die gerade eine Operation überstanden haben oder deren Immunsystem durch Krankheiten geschwächt ist. Dann kann es beispielsweise zu hohem Fieber oder zum Kreislaufkollaps kommen. Zwei Intensivpatienten sind im Virchow-Klinikum, wie berichtet, im September 2012 und vor zwei Wochen im Zuge einer solchen Infektion gestorben. Als Todesursache gilt laut Charité ihre anfängliche schwere Erkrankung. Das Bakterium habe aber die Heilungschancen verschlechtert.

In Deutschland hat die Verbreitung der antibiotikaresistenten KPC-Keime laut Martin Kaase vom Nationalen Referenzzentrum „deutlich zugenommen.“ Das müsse man „sehr ernst nehmen“. Im Vergleich zu Südeuropa sei das hiesige Vorkommen aber noch auf „niedrigem Niveau.“ Am weitaus stärksten sind die Keime nach Auskunft von Kaase und Charité-Expertin Petra Gastmeier in Griechenland verbreitet, danach folge Italien. Aber auch in Nordafrika und Asien kämen sie häufiger vor.

In Deutschland gehört nach den jüngsten Erhebungen durchschnittlich nur jedes hundertste Klebsiella-Pneumoniae-Bakterium, das im Darm der Menschen vorkommt, zu der gefährlichen Unterart. In Griechenland soll der Anteil schon bei 30 Prozent liegen und bei den Patienten griechischer Kliniken bei 60 bis 70 Prozent. Ursache ist aus Expertensicht unter anderem der freie Verkauf von Antibiotika in Hellas. Patienten können diese dort ohne Rezept besorgen und sich damit selbst behandeln. Das führe zu unspezifischen Überdosen, die Resistenzen fördern.

Hauptursache für das Vordringen des Keimes nach Mittel- und Nordeuropa sind nach Einschätzung des Referenzzentrums „die internationalen Patientenströme“. Immer öfter würden Patienten auch in Berlin behandelt, die vorher schon in Kliniken im Ausland waren und sich in Deutschland eine noch bessere Therapie erhoffen. So werde das Bakterium eingeschleppt. In den Krankenhäusern finde es dann die Voraussetzungen, sich schon durch kleinste Hygienelücken besonders rasch zu verbreiten.

Um dieser Gefahr vorzubeugen, teste man solche Patienten an der Charité beim geringsten Verdacht auf einen möglichen Keimbefall, sagt Chefhygienikerin Gastmeier. Werden die Bakterien nachgewiesen, wird der Patient isoliert. Es gelten besondere Hygieneregeln.

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