Berlin : Charlottenburg: Gerichtsgebäude mit fünf Sternen

Cay Dobberke

Der ehemalige Sitz des Reichskriegsgerichts und des Berliner Kammergerichts an der Witzlebenstraße soll zu einem Luxushotel umgebaut werden. Das denkmalgeschützte Gebäude steht seit vier Jahren leer. Es gehört dem Bund und wird von dessen Oberfinanzdirektion (OFD) verwaltet, die mit der Berliner Zahn-Gruppe über den Verkauf verhandelt. Der ehemalige Regierende Bürgermeister und Justizsenator Eberhard Diepgen (CDU) wollte den Bau anmieten lassen und wieder als Gericht nutzen. Jetzt aber hat das Berliner Architektenbüro WEP Effinger & Partner das Hotelkonzept entwickelt. Die Umnutzung wurde gerade beim Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf beantragt.

"Es gibt zwei Varianten: ein Hotel mit vier oder mit fünf Sternen", sagte Architektin Ute Daringer dem Tagesspiegel. Als Hotelbetreiber kämen "mehrere Interessenten" in Frage. Der Altbau sei in "hervorragendem Zustand", aber nur für wenige Zwecke geeignet. Denkbar sei auch eine Büronutzung. "Wir haben das gründlich geprüft."

Das Gebäude war 1908 bis 1910 als Reichsmilitärgericht errichtet worden. Während der Nazizeit residierte dort von 1936 bis 1943 das Reichskriegsgericht, woran Gedenktafeln erinnern. Die höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz verhängte mehr als 1400 Todesurteile. Es ging um Delikte wie "Wehrkraftzersetzung" und Landesverrat; am bekanntesten wurde das Verfahren gegen die Widerstandsgruppe "Rote Kapelle". Später nutzte das Kammergericht die Räume, bis es an seinen alten Standort an der Elßholzstraße in Schöneberg zurückkehrte. Letzter Nutzer war der 5. Senat des Bundesgerichtshofs (BGH), der nach Leipzig umzog. Über die "Botschaftsbörse" wurde das Gebäude erfolglos als diplomatische Vertretung angeboten.

Aus Sicht des Senats ist eine erneute Nutzung als Gerichtshaus fraglich, aber nicht vom Tisch. Justizsenator Wolfgang Wieland (Grüne) sagte, wegen der Sparzwänge habe eine Abteilung seiner Verwaltung vorgeschlagen, "dass die Witzlebenstraße gestorben ist". Aber: "Ich setze das noch nicht um." Die Option auf eine Anmietung wolle er angesichts der Raumnöte der Justiz behalten. Ein Vetorecht gegen ein Hotel besitze der Senat allerdings nicht. Der Gedenkstätten-Referent der Senatskulturverwaltung, Ekkehard Klausa, findet es "nicht ganz behaglich", dass Touristen in der Stätte vieler Todesurteile übernachten sollen. Andererseits wäre dies "besser als der Verfall".

Das Hotelprojekt ähnelt den Plänen für das denkmalgeschützte "Haus Cumberland" am Kurfürstendamm. Für dieses hat die OFD die Fundus-Gruppe als Käufer ausgewählt. Deren Verhandlungen mit dem Wunsch-Betreiber Kempinski scheiterten allerdings. "Wir verhandeln mit drei Interessenten", teilte Fundus jetzt mit. Der Umbau am Kurfürstendamm solle im kommenden Jahr beginnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar