Berlin : Charokh Bitcheranlou, geb. 1930

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Was bedeutet Freundschaft? Wieviel weiß man über die Menschen, die einem nahe stehen? Charokh Bitcheranlou hatte viele Freunde. Aber selbst die engsten unter ihnen wussten nicht, wie es um den stets freundlichen und hilfsbereiten Mann stand. Bis zuletzt blieb die Krebserkrankung sein Geheimnis. Als es für ihn keine Hoffnung mehr gab, brachte er sich um. Seine Freunde traf die Nachricht wie ein Schlag. "Ich habe noch kurz vorher mit ihm telefoniert", sagt Adnan Bahho. "Er war fröhlich wie immer. Wir haben zusammen gelacht." Die Nachricht vom Tod seines Freundes, konnte er erst gar nicht glauben. Zwei Wochen lang schloss er seine Arztpraxis in Kreuzberg. Der Schock über den Tod des Freundes sitzt noch immer tief. "Er war für mich wie ein Bruder", sagt er.

"Warum hat er mir nichts davon erzählt?" Eine Frage die sich der irakische Urologe immer wieder gestellt hat. Erst verzweifelt, traurig, dann immer wieder auch voller Wut. Mindestens zweimal die Woche trafen die beiden Männer sich in der Sauna des Europa-Centers. Sie unterhielten sich, spielten Backgammon, aßen gemeinsam. "Ich habe ihm mein Herz ausgeschüttet", sagt Bahho. "Von sich hat er nur wenig erzählt. Wieso hatte er kein Vertrauen zu mir?"

Charokh Bitcheranlou war ein sehr sportlicher und dynamischer Mann. Er, dem keiner seine 70 Jahre ansah, wollte keine Last sein. Seine tiefsten Gefühle, Ängste und auch Schmerzen behielt er für sich. Dennoch wollte er sich ganz zum Schluss seinen Freunden erklären: Der Tote hinterlässt eine besprochene Kassette. Auf ihr nahm er in Persisch und auf Deutsch Abschied von den Menschen, die ihm nahe standen. Er erzählt ihnen nun endlich von seiner Krankheit, von den Schmerzen die unerträglich wurden, von der Unausweichlichkeit seines Todes und verteilt sein Vermögen an die Bedürftigen in seinem Bekanntenkreis. Bahhos Fragen beantwortet das Tonband nicht, die Verunsicherung bleibt.

Gab es noch andere Dinge, die er von seinem Freund nicht wusste? Wer war Charokh Bitcheranlou? Die Gespräche mit Freunden fügen das Bild wie ein Puzzle zusammen, allerdings eines, bei dem einige Teile verloren gegangen sind.

Im Nord-Westen des Iran, damals noch Persien, wächst Charokh Bitcheranlou auf. Sein Vater ist ein Khan, ein adeliger, geehrter Mann kurdischer Abstammung. Nach dem Abitur ermöglicht die Familie dem Sohn die Reise nach Deutschland. Charokh soll Arzt werden.

An der Berliner FU studiert Bitcheranlou Medizin, macht seinen Abschluss. Nach der Facharztausbildung Anfang der siebziger Jahre kehrt er als Leiter eines Rotkreuz-Krankenhauses in den Iran zurück. Die islamische Revolution verändert seine Situation schlagartig. Das Krankenhaus wird geschlossen, Bitcheranlou wird arbeitslos. Obwohl er kein politischer Aktivist ist, fühlt sich der Arzt in diesem Iran nicht mehr wohl.

Er kehrt 1979 zurück nach Deutschland, beginnt eine weitere Fachausbildung in Bonn. Doch sein Herz hängt an Berlin. Mitte der achtziger Jahre zieht Bitcheranlou erneut um und gründet seine eigene Praxis als Orthopäde am Kurfürstendamm. Kein einziges Mal fährt er in den folgenden Jahren in den Iran. Nur telefonisch hält er den Kontakt zu seiner Familie aufrecht.

In Deutschland baut er sich einen großen Freundeskreis auf, darunter Menschen aus vielen Nationen und verschiedenen Religionen. Bitcheranlou, der sich in sechs Sprachen fließend unterhalten kann, ist ein Kosmopolit. Die Auseinandersetzung mit Menschen aus anderen Ländern wird zum Mittelpunkt seines Lebens. Er engagiert sich in internationalen Vereinen und gründet gemeinsam mit Freunden den Verein Iranischer Ärzte und Apotheker in Deutschland. Vielen, so auch dem Chirurgen Ahad Fahimi, den Bitcheranlou noch aus Studentenzeiten kennt, wird er zum väterlichen Freund. Bitcheranlou ist zuverlässig, pflegt seine Freundschaften.

Nur in der Liebe ist er nicht beständig. Zwar spielen im Leben des attraktiven Mannes Frauen immer wieder eine Rolle. Doch die Verbindungen halten nicht lange. Die letzten drei Jahre seines Lebens verbringt er als Single in seiner kleinen Wohnung am Kudamm über der Arztpraxis.

Über 300 Menschen versammeln sich am Waldfriedhof in Westend, um ihn dort im Familiengrab an der Seite eines Neffen zu beerdigen. So hat er es sich auf der Kassette gewünscht. Auch die iranische langsame und traurige Melodie, die ein befreundeter Geiger an seinem Grab spielt, hat sich Charokh Bitcheranlou selbst ausgesucht.

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