Berlin : Chatami-Besuch: Wenn einem die Hauptstadt so richtig auf die Nerven geht

Lorenz Maroldt

Chatami ist weg. Zurückbleiben viele Fragen - und viele Verlierer.

Da sind zum Beispiel die Autofahrer, die wissen, dass es wegen eines Staatsbesuchs in der Innenstadt zu Sperrungen kommen wird, ungerührt ihre Karosse ins Chaos lenken und dann empört feststellen, dass es wegen eines Staatsbesuchs in der Innenstadt zu Sperrungen kommt. Ist denen zu helfen? Da ist die Polizei, die - jawoll! - ihren Auftrag zu 180 Prozent erfüllt und für die überflüssigen 80 Prozent in wutverzerrte Gesichter blickt. Sie weiß wenigstens, warum. Da ist die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, die den Berlinern in der FAZ erklärt, wie schön bürgernah solche Staatsbesuche in Bonn waren und dass es in Berlin stattdessen "Polizeifestspiele" gibt. Wir sagen dazu mal: letzte Zuckungen einer beleidigten Stadt am Rhein.

Schließlich: die große Politik. Wenn einem Staatsgast der entwürdigende, ja ohne jeden Zweifel grausame Anblick von Demonstranten erspart bleiben soll, ohne gleich für mehrere Tage die Stadt in die Knie zu zwingen, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: außerhalb Berlins ein schönes Begegnungszentrum der Bundesregierung eröffnen. Wie wäre es zum Beispiel mit Jüterbog? Einen kleinen Landeplatz gibt es dort ja schon und genug Platz für ungestörte Rundfahrten in der Kolonne und Gespräche an runden, ovalen oder eckigen Tischen auch. Es ließe sich bestimmt auch ein Goldenes Buch auftreiben, in das Autogramme gesetzt werden könnten, ohne dass dafür der Ort des Geschehens zwei Stunden in einen Belagerungszustand versetzt werden muss. Die Hubschrauberrudel, die unseretwegen dort draußen rund um die Uhr herumkreisen könnten, würden allenfalls etwas märkischen Staub aufwirbeln, nicht aber die Gemüter in Wallung bringen. Leider wäre das alles etwas stillos.

Berlin wollte Hauptstadt nicht nur genannt werden, sondern auch sein. Aber wie hoch darf der Preis sein, den die Stadt für Staatsbesuche zu zahlen hat? Bei Clinton war er angemessen, bei Chirac, Putin und selbst bei Barak auch. Im Schnitt betrug der Preis fünfzehn Minuten. Das ist weniger als bei jeder Blade Night. Diesmal aber war der Preis zu hoch. Zwei Tage ging uns die Hauptstadt auf die Nerven, und wir bekamen nicht einmal etwas zu sehen.

Wäre Chatami doch wenigstens auf einem Teppich durch die Stadt geflogen.

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