Berlin : Chinesische Power

Die Berliner Underground-Ikone Gudrun Gut exportiert ihren Ocean Club ins Reich der Mitte

Ulf Lippitz

Gudrun Gut lebt für die Subkultur. In ihrer Schöneberger Altbauwohnung laufen die Fäden zusammen: für das eigene Label „Monika Enterprises“, die wöchentliche Sendung des „Ocean Clubs“ auf Radio Eins und die Koordination des „Ocean Club“-DJ-Kollektivs. Im Augenblick konzentriert sich die Musikerin mit der bewegten Vita auf eine CD, die sie zusammen mit Club-Partner Thomas Fehlmann aufgenommen hat: Das Gastspiel „Ocean Club for China“ im Reich der Mitte.

Seit über zwei Jahrzehnten gestaltet Gut die Berliner Musiklandschaft mit. Noch während sie an der Hochschule der Künste studiert, spielt sie 1980 in einer Vorgänger-Band der Einstürzenden Neubauten, ab 1981 widmet sie sich erfolgreich der Frauen-Band Malaria! („Kaltes Klares Wasser“) und Ende der Achtziger gründet sie die Gruppe Matador. Sie engagiert sich für Fragen des Feminismus und bietet weiblichen Musikerinnen auf ihrem Label eine Plattform. Auf der ersten Platte des Ocean Clubs gab es nur einen Männer-Auftritt - den von Blixa Bargeld. Das war 1994. „Ich hatte nach diversen Band-Projekten Lust, endlich mal was Eigenes auf die Beine zu stellen“, sagt Gut heute. „Schnell habe ich aber gemerkt, dass ich das nicht alleine machen will. Daraus entstand die Idee des offenen Kollektivs – der Ocean Club war geboren.“

Geburtsstätte wurde der Techno-Club Tresor, zu dessen Musikrichtung der Ocean Club eigentlich kaum passte. „Zu der Zeit gab es nur Techno oder Rock-Jazz“, erinnert sich Gudrun Gut. „Wir haben versucht, Farbe in die Musik-Landschaft zu bringen. Neben minimaler Elektronik spielten wir auch mal Calypso.“ Beim wöchentlichen Ocean Club treffen sich nicht nur musikalisch Gleichgesinnte: die Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist tritt genauso in Erscheinung wie DJ Mike Vamp. Er findet nach Jahren der Abstinenz hier seinen Enthusiasmus wieder und formt daraus das Elektro-Pop-Duo Märtini Brös. So erfolgreich läuft der Abend, dass es Gastspiele in London gibt, eine freitägliche Produktion für Radio Eins – und aus der Underground-Ikone Gudrun Gut wird eine gefragte DJane.

Der Ausflug nach China ist der letzte Höhepunkt in der unauffälligen, aber steilen Karriere des Clubs. „Ich habe mich total in das Land verliebt“, gesteht Gut. „Die ersten Male in Amerika war das ähnlich, aber in China war alles herzlicher, charmanter.“ Sie streift mit der Hand durch die rotbraunen langen Haare, deren Pony ganz im Stil der frühen Achtziger abgeschnitten ist. Sie hat die Verbotene Stadt besucht, hat auf der Chinesischen Mauer und dem Platz des Himmlischen Friedens gestanden. In einer Bar fiel sie beinahe in einen Teich und traute sich an fast jedes kulinarische Experiment. Nur die Krabben in Rotwein ließ die Musikerin lieber liegen: Die Tiere bewegten sich noch. In China verzehrt man die Schalentiere, sobald sie in der Weinsauce ohnmächtig geworden sind. Gudrun Gut hatte den Topf zu früh geöffnet.

Mit Thomas Fehlmann stellte sie den Ocean Club in Peking vor. Das ging nicht ohne Hindernisse. Drei von vier Auftritten wurden abgesagt, weil zur selben Zeit der Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas stattfand. Den Clubs wurde nahe gelegt, für vier Wochen mal „Ferien“ zu machen. Und ganz kompliziert wurde es, als die Künstler beschlossen, eine CD in China auf den Markt zu bringen. „Wir mussten alle Texte auf Englisch einreichen“, sagt Gut. Bisher konnte das Album dort nicht erscheinen. Die Sars-Epidemie hat die Logistik vollkommen über den Haufen geworfen. „Es müssen neue Kontakte gesucht und gefunden werden“, sagt Gudrun Guts Partner Thomas Fehlmann. In Deutschland wird die CD Ende September erhältlich sein. Darauf finden sich vor allem „familiäre Projekte“ des Ocean Clubs – Lebenszeichen aus dem Berliner Untergrund. Und dank Gudrun Gut erfährt bald auch ganz China davon.

Ocean Club for China erscheint am 22. September bei V2 Records.

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