Berlin : Christoph Rohrbach (Geb. 1925)

Schon lange vor seiner Zeit als Geistheiler war er Spezialist fürs Unsichtbare

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Schmale, sensible Hände hatte Christoph Rohrbach, Hände, mit denen er als alter Mann Wünschelruten und Pendel zum Ausschlagen brachte und kranke Körper zu heilen versuchte.

Dabei war er kein weltferner Esoteriker, sondern überzeugter Wissenschaftler. Menschen ohne akademischen Titel betrachtete er mit leiser Geringschätzung. „Wissen“, so sagte er zu seinen Töchtern, „ist ein Gut, das einem niemand nehmen kann.“ Dass es Menschen gab, die an solchen Schätzen einfach vorbeigingen, fand er unverständlich.

Krieg, das war auch so eine unakademische Zeitverschwendung, allerdings eine, die er als Wehrmachtssoldat eine Weile hatte mitmachen müssen. Kurz vor Kriegsende schwang er sich auf ein altes Damenfahrrad und radelte einfach weg von der italienischen Front. Ein Deserteur, weniger von politischen Überzeugungen getrieben als von seinem Forschergeist.

Er wollte endlich an die Universität, endlich ungestört rechnen, tüfteln, experimentieren. Der Ingenieurstudiengang erwies sich als gute Wahl, nicht nur für seine Liebe zur Technik, sondern auch für die zu den Damen. Seiner künftigen Ehefrau, einer Pharmaziestudentin, überreichte er eines denkwürdigen Tages ein selbst gebasteltes Radio und brutzelte ihr auf einem selbst gebauten Herd Bratkartoffeln, in mathematisch anmutender Präzisionsarbeit von beiden Seiten gleichmäßig gebräunt. Staunend betrachtete die Nachkriegsschönheit diese Schätze und ließ sich dann in sein Luftschloss entführen, in dem sie ihn als angehenden Millionär bewundern durfte.

Man darf sagen, dass Christoph Rohrbach schon lange vor seiner Zeit als Geistheiler Spezialist fürs Unsichtbare war. Nicht nur, dass er gerne Luftschlösser baute und die Kinderzimmer seiner vier Töchter allabendlich mit den Wesen selbst erdachter Märchen bevölkerte. Auch als Messtechniker wusste er um die Macht kleinster, kaum messbarer Teilchen. Seine Publikationen wurden Standardwerke für die Ingenieure seiner Zunft, mehrere Erfindungen zur Ermittlung feinster Schwingungen ließ er patentieren, er wurde Vizepräsident der Bundesanstalt für Materialforschung.

Zum Millionär machte seine Karriere ihn nicht, aber doch zu einem wohlhabenden Mann, der sich aussuchen konnte, wo er seinen Lebensabend zubrachte. Nach intensiven Studien von Wetterkarten und gründlicher Abwägung sonstiger Faktoren wählte er einen Platz im Bayerischen. Das Haus mit Laboratorium für seine Untersuchungen plante er selbst. An diesem himmlischen Ort saß er, als er eines Tages seinen Nachbarn beim Wünschelrutenlauf beobachtete. Hier wurde etwas gemessen, messen war sein Beruf, sie kamen ins Gespräch.

Christoph Rohrbach begann zu lesen, Experten aufzusuchen, Experimente durchzuführen, kurz: Er setzte seine Arbeit, in der er sich schon immer mit Kraftfeldern und Schwingungen befasst hatte, ganz einfach fort, lediglich um eine Metaebene verschoben. Er legte sich eine Kartei an mit Fotos und Krankheitsbeschreibungen von Menschen, die er kraft seiner Gedanken zu heilen versuchte, ließ Pendel schwingen, legte seine Hände auf kranke Körper.

Dabei blieb er in der Sprache des Messingenieurs, zeichnete zur Erläuterung seiner Instrumente und Hypothesen Kreise, Pfeile und Formeln aufs Papier. Kein Messgerät dieser Welt, so versuchte er es einmal auf den Punkt zu bringen, sei präziser als der Mensch.

Auch auf dem Gendarmenmarkt wurde er mit seiner Wünschelrute gesichtet, völlig unbeeindruckt von den belustigten oder skeptischen Mienen der Passanten.

Er wurde alt, er wurde schwach. Angst bereitete der Tod ihm nicht, er glaubte, dass er eintreten würde in einen „Raum des Wissens“.

Auf der Beerdigung erklang statt des geplanten „Ave Maria“ ein Schlager: „Andrea, ich tanz’ die letzte Nacht mit dir.“ So sehr die Bestatterin sich auch mühte, er ließ sich nicht abstellen. Christoph Rohrbach hatte, so glauben die Töchter, ein letztes Mal die Geräte bedient: Lachend sollten sie ihn gehen lassen.

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