Berlin : Christopher-Street-Day: "Hoffentlich erkälten die sich nicht"

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"Guck mal, jetzt schlecken die sich in aller Öffentlichkeit ab" ruft Rose Schwandt ihrem Mann zu, als ein Lastwagen mit leicht bekleideten, sich demonstrativ küssenden Tänzern an ihr vorbeizieht. Die Rentnerin, die nahe der Paradestrecke am Nollendorfplatz wohnt, schüttelt missbilligend den Kopf. "Das ist nun wirklich ein bisschen zuviel." Auch ihr Mann Klaus, pensionierter Bäckermeister, verzieht das Gesicht - lässt sich aber gleichzeitig kein Detail der Männer, die auf dem Wagen Sado-Maso-Posen probieren, entgehen. Die beiden sind hin- und her gerissen zwischen Faszination und Ekel. So geht es ihnen jedes Jahr. "Wir gucken uns das immer an", sagt Rose Schwandt. Und eigentlich sei es ja auch in Ordnung, "wenn die jungen Leute sich hier mal austoben können". Andererseits - Menschen sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen: "Normal ist das ja nicht."

Rentnerin Ursula Rauhart sorgt sich wegen des kalten Wetters vor allem um die Gesundheit der Feiernden. "Hoffentlich erkälten die sich nicht", sagt die 65-jährige Großmutter, als mal wieder ein Wagen mit halbnackten Tänzern vorbeizieht. Ansonsten findet sie, "dass jeder so leben soll, wie er will". Die frühere Bankkauffrau findet es gut, wenn Schwule und Lesben sich für mehr Gleichberechtigung einsetzen. "Ich bin dafür, dass sie endlich ebenso heiraten dürfen, wie alle anderen Paare." Das sehen vor allem viele jüngere Zuschauer am Straßenrand ähnlich. "Es sollte völlig egal sein, ob jemand homo- oder heterosexuell ist", sagt die 30-jährige Petra Schäfer, die gemeinsam mit ihrem Mann und der zehnjährigen Tochter zum Betrachten des Umzugs gekommen ist. "Aber leider sehen das viele Menschen immer noch anders."

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