City-West : Der Ku’damm im Wandel

Ein Traditionsgeschäft geht, ein Luxushotel kommt. Was das zu bedeuten hat, darüber wird noch gestritten. Kein Stadtteil ist so in Bewegung wie die City-West rund um den Kurfürstendamm. Das wird man dieses Jahr sehen und hören.

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City West
Die Tauentzienstraße in einer Computersimulation. -Simulation: SenStadt

Seine Kunden bringen Blumensträuße vorbei. Jeden Tag. Sagen Sätze wie „Das darf doch nicht wahr sein“ oder „Warum ausgerechnet Lösche?“ Udo Heiler ist gerührt über die Blumen und die warmen Worte. Besonders, als neulich einer kam und klarstellte: „Pelz Lösche ist Ku’damm. Ku’damm ist Pelz Lösche.“

Seit 37 Jahren verkauft Udo Heiler hier seine Mäntel, am Kurfürstendamm 220, zwischen Kranzler-Eck und U-Bahnhof Uhlandstraße. Ivan Rebroff hat bei ihm eingekauft, Peter Maffay und die Prinzessin von Saudi-Arabien. Jetzt prangt in Großbuchstaben „Total-Ausverkauf“ im Schaufenster, der Pearl Nerz kostet nur noch 2999 Euro, alles muss raus. Ende März wird Heiler den Laden aufgeben. Sein Mietvertrag wurde nicht verlängert.

Man könnte jetzt sagen: Ein Pelzgeschäft schließt, das ist doch keine Nachricht. Aber es geht eben um Pelz Lösche. Schon wieder ein großer Name. Einer, der für das alte West-Berlin steht. Und für die Zeit, als die Filialisten noch nicht da waren. „Es tut richtig weh, was mit dem Ku’damm passiert“, sagt Udo Heiler. „Das sieht nicht gut aus.“

Historische Bilder der City West
Straße der Flaneure. Der Kurfürstendamm im Jahr 1916, an der Ecke Joachimtaler Straße, mit der 1895 eingeweihten Gedächtniskirche im Hintergrund.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: Ullstein Bild
06.05.2011 09:48Straße der Flaneure. Der Kurfürstendamm im Jahr 1916, an der Ecke Joachimtaler Straße, mit der 1895 eingeweihten Gedächtniskirche...


Einige hundert Meter weiter sieht es auch nicht gut aus, aber hier ist das unumgänglich. Hinter Absperrungen wächst das Betonskelett des Zoofensters in die Höhe. Die Bauarbeiter sind schon bei der siebten Etage angelangt, 32 werden es insgesamt. Ende 2011 öffnet das Luxushotel Waldorf-Astoria mit Ballsaal und Wellnesstempel. Eine Initialzündung für das ganze Viertel soll es werden. Ein Leuchtturmprojekt.

Dass in der City-West Stillstand herrscht, behauptet heute niemand mehr. Die Frage ist nur, was der Wandel bedeutet. Am Montag diskutiert darüber auch der Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses, die Opposition will wissen, wie der Stand ist.

Der Stand ist: Noch dieses Jahr beginnen die Arbeiten an Bikinihaus und Zoo-Palast. Die Gedächtniskirche wird schon im Frühjahr eingerüstet, nach der Sanierung, wahrscheinlich 2012, sind endlich auch die Pommesbuden verschwunden. Ab Mai wird der Mittelstreifen der Tauentzienstraße neu gestaltet, und bis Herbst soll der Förderantrag für die Umgestaltung des Kurfürstendamms gestellt sein. „Auf die City-West kommen harte Zeiten zu“, sagt Klaus-Dieter Gröhler, Baustadtrat von der CDU. Wegen der vielen Verkehrsbehinderungen und des Baulärms. „Danach ist die City-West aber im 21. Jahrhundert angekommen.“ 2014 soll es so weit sein.

Wenn Udo Heiler heute aus seinem Pelzladen tritt und auf die andere Straßenseite schaut, dann sieht er: Schuhkette, Kosmetikkette, Modekette, Elektronikkette und dann schon wieder eine Schuhkette, alle direkt nebeneinander. „Da ist kein Flair mehr“, sagt er. Gut möglich, dass auch Pelz Lösche durch eine Kette ersetzt wird.

Immer wenn ein alter Name verschwindet, zum Beispiel Kranzler, Möhring, Gloria, Astor, Marmorhaus, Far Out, Kopenhagen, dann ist sie sofort wieder da: die Angst, dass es endgültig abwärtsgeht mit der City-West. Dass alles abwandert in Richtung Osten. Seit 20 Jahren geht das so. Die Zahlen sagen das Gegenteil: Die Tauentzienstraße bleibt teuerste Lage der Stadt, am Kurfürstendamm sind die Ladenmieten zumindest am östlichen Ende durchgängig höher als in der Friedrichstraße.

Der Angstreflex ist verständlich, sagt Klaus-Jürgen Meier, Chef der AG City-West – nur rational eben nicht. Wenn jetzt auch noch das Restaurant Silberterrasse im KaDeWe schließt, nach 103 Jahren, dann sollte man das gelassen hinnehmen. Weil ganz sicher etwas Neues kommt. Besonders groß war die Angst vor dem neuen Kudamm-Karree, in dem kein Platz mehr sein sollte für zwei Theaterbühnen. Nun will David Chipperfield den Neubau übernehmen, allein der Name reichte aus, um die Gemüter zu beruhigen. Am Montag wird der Stararchitekt seine Pläne offiziell dem Bezirk vorstellen, und wenn es stimmt, was man hinter vorgehaltener Hand hört, werden alle Beteiligten zufrieden sein.

Vielleicht hat es in der City-West seit der Wende genau daran gemangelt: die Beteiligten zusammenzubringen. Senatsverwaltung und Bezirk, AG City, Handelskammer, Geschäftsleute und Anwohnerinitiativen. Diese Aufgabe soll ab sofort Joachim Wolf übernehmen. Der Stadtplaner ist gerade zum neuen Regionalmanager für die City-West ernannt worden, nächsten Monat bezieht sein Team seine Kommandozentrale im Amerika-Haus – um dann den Aufbau West voranzutreiben. Noch im ersten Halbjahr wird ein Förderantrag zur Umgestaltung des Kurfürstendamms ausformuliert. Plus mehrere Einzelanträge für den Lehniner, Olivaer und George-Grosz-Platz. Die Mittel sollen großteils aus dem Bund-Land-Förderprogramm „Aktive Zentren“ kommen.

Wie sich das Straßenbild des Kurfürstendamms konkret ändern soll, wird laut Joachim Wolf „gemeinsam beraten“, im Amerika-Haus sind Workshops und Diskussionsrunden geplant. Allerdings drängt die Zeit: Kommendes Jahr feiert der Kurfürstendamm 125. Jubiläum.

Udo Heiler will auf jeden Fall mitfeiern. Wenn er Ende März sein Geschäft räumt, verlegt er den Verkauf zunächst in den vierten Stock des Gebäudes. Gleichzeitig sucht Heiler neue repräsentative Räume, „auf jeden Fall ganz in der Nähe und auf jeden Fall am Ku’damm“. Er steht schon in konkreten Verhandlungen. Vielleicht wird er sich sogar verbessern, sagt er. Jede Veränderung ist eine Chance. 

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