Berlin : Club Bellevue

Der Präsident ein Popstar? Sein Amtssitz eine Disco? Christina Raus Modegala ist längst mehr als eine Kultveranstaltung für die Jungen und Schönen

Elisabeth Binder

Nadja Auermann tanzt. Langsam hebt sie die rechte Hand mit dem Weinglas in die Luft und schwenkt es im Rhythmus der Musik von den DJs Ferry Ultra und Mousse T. Mit halb geschlossenen Augen und unglaublich dünnen Armen bewegt sie sich über die Tanzfläche des Staatsbankett-Saales; die Hüften pendeln graziös hin und her, die weißblonde Mähne fällt locker auf die Schulter, mit der linken Hand streicht sie sachte über den glänzenden Stoff des schmalen Kleides, dort, wo es Bauch und Schenkel umspannt. In ihrem Umkreis tanzen der Musiker Till Brönner, die Schauspielerin Annabelle Mandeng in schreiendem Pink und der Moderator und frühere Fußballer Anthony Baffoe. Es ist Mitternacht, und die Idole tanzen im Schloss der Vorbilder.

Zum dritten Mal hatte Christina Rau zur Modegala ins Schloss Bellevue eingeladen, und diesmal bestand kein Zweifel mehr daran, dass sie mehr als eine Kultveranstaltung für die schönen und erfolgreichen Jungen geschaffen hat. Beim ersten Mal, wir erinnern uns, stand die Frage im Raum: Macht man das? Darf ein Bundespräsident seiner Frau und irgendwelchen armen Kindern zuliebe seinen Amtssitz in eine Disco verwandeln und auch noch selbst eine Runde über den Laufsteg drehen? Diesmal fiel die Antwort leicht: Wenn er wirkliche Größe hat, bleibt ihm vielleicht gar nichts anderes übrig, egal, ob er echte Lust dazu hat oder vielleicht heimlich lieber würdige Politik machen würde. Johannes Rau und Frau Christina haben sich vor allem als Vorbilder für die jüngeren Deutschen etabliert. Echte Vorbilder wissen, dass man nicht auf einem Sockel stehen bleiben darf, sondern die Leute da abholen muss, wo sie eben sind. Und das bedeutet, dass man Botschaften wie die, dass es da draußen Kinder gibt, die dringend Hilfe brauchen, gerade nicht in Sack und Asche oder gar in feierliche, lange Reden verpackt, sondern in Glamour. Nur so erreichen sie die gewünschten Adressaten gewissermaßen per Einschreiben.

An Glamour war kein Mangel. Erstmal ein für dieses Umfeld fast etwas lächerliches Blitzlicht-Bombardement. Der Bundespräsident als Popstar? Der nur noch relativ neue Lover von Heidi Klum als romantischer Held der Weltgeschichte? Nachdem man sich auf diese batterieintensive Art abreagiert hatte, war die Atmosphäre frei für unglaublich rührende Worte der Moderatorin Anne Will. Auf Bitten der Gastgeberin erzählte sie von einer Reise für die Kindernothilfe nach Sri Lanka. Dort lassen sich Kinder von den Rebellen als Soldaten anheuern, weil sie dann eine warme Mahlzeit täglich bekommen. Um dieser Verlockung Konkurrenz zu machen, finanziert die Kindernothilfe Schulen, die ebenfalls eine warme Mahlzeit bieten.

Dafür unter anderem führten Models wie Heidi Klum, Nikolaus Kinski, Alexandra Kamp und Eva Padberg überaus tragbare und phantasievolle Kleider von jungen Designern wie Unrath & Strano, Andrea Schelling und Maxie Rosenkranz sowie des Sponsors Toni Gard über den Laufsteg. Dschungel-Look und Feen-Kreationen dominierten. Auch Präsidenten-Tochter Anna Rau war wieder dabei. Letzten Donnerstag musste sie ihr soziales Jahr in Bolivien wegen der politischen Lage dort unterbrechen. So konnte sie, statt für die Kindernothilfe armen Kindern Englisch beizubringen, unerwartet auch diesmal als Model glänzen. Artisten vom Circus Roncalli und vom Wintergarten traten ebenfalls auf.

Spät noch arbeitete der Bundespräsident für seine Frau, begrüßte strahlend Herrn Kofler, der das fliegende Büfett gestiftet hat, und plauderte mit seiner Schwiegermutter, der Tochter von Gustav Heinemann, der sein eigenes Vorbild war. Derweil verriet Sabine Christiansen, dass sie selbst am liebsten die Mode von jungen Designern trägt und dass sie es lustig findet, wenn solche Teile als Haute Couture Label eingeschätzt werden. Wie groß die Talente sind, das zeigte der selbstvergessene Tanz der jungen Schönen in Kleidern, die durch diesen Abend zu Ruhm kamen.

Ach ja, für die notleidenden Kinder kamen über 180 000 Euro zusammen, weit mehr als im letzten Jahr. Würdiger kann auch hohe Politik nicht sein.

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