Club der polnischen Versager : Wie Polen in Berlin die EM erleben

Sie übertragen – und sie übertreiben gnadenlos: Auch im Club der polnischen Versager in der Ackerstraße wird die Fußball-Europameisterschaft übertragen. Viele Polen kamen dorthin, um sich das Eröffnungsspiel anzuschauen.

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Allzeit bereit. Adam Gusowski ist vorbereitet und rennt nur noch mit EM-Flagge durch die Straßen.
Allzeit bereit. Adam Gusowski ist vorbereitet und rennt nur noch mit EM-Flagge durch die Straßen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sogar die kleine Emilia, gerade mal sechs Monate jung, hat das weiß-rote polnische Trikot an. Als in der siebzehnten Minute um sie herum alle jubeln übers erste Tor der polnischen Nationalelf, braucht Emilia aber eher ein bisschen Trost: Public Viewing beim EM-Auftaktspiel im „Club der polnischen Versager“ an der Ackerstraße in Mitte. Fans jeden Alters drängeln schon eine Stunde vor Beginn heran. Sie passen gar nicht alle hinein in den Saal mit den Videoleinwänden.

Wer’s schafft, geht leidenschaftlich mit. Schockstille unter den rund 250 Zuschauern, als Torwart Wojciech Szczesny die rote Karte bekommt, Erleichterung, als sein Nachfolger den Elfmeter hält.

Bis vor einigen Tagen standen im Club noch Farbeimer, jetzt sind die Wände frisch gestrichen. Und der Tresen, auch der ist renoviert. Zum Schluss hat Adam Gusowski, 39, noch mal durchgewischt, die Leinwand aufgebaut und den Kühlschrank aufgefüllt. „Tyskie“ verkaufen sie hier stilecht in der Ackerstraße 168, polnisches Bier, drei Euro kostet die Flasche.

Das Eröffnungsspiel Polen-Griechenland in Bildern

Polen und Griechen trennen sich 1:1
Enttäuschung auf beiden Seiten. Mit einem Punkt sind weder die Polen noch die Griechen glücklich.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: AFP
08.06.2012 18:49Enttäuschung auf beiden Seiten. Mit einem Punkt sind weder die Polen noch die Griechen glücklich.

In Berlin leben 41 000 Polen, sie bilden die zweitgrößte Zuwanderergruppe. Auch Gusowski ist in Stettin geboren, 1988 kam er nach Berlin, sein Club ist längst eine feste Größe, weil sie dort immer hübsche Überraschungen parat haben. Am Eröffnungsabend spielte vor und nach dem Match ein Pianist. Und heute, wenn die Deutschen ihr Auftaktspiel bestreiten, soll ein Streichquartett auftreten. „Wir wollen die Situation etwas entspannen“, sagt Gusowski, der in einer Freizeitmannschaft Fußball spielt. „Ich bin selber Fan, aber wenn man es sich nüchtern überlegt, dann ist das ja nur ein Ball – davon hängt unsere Zukunft nicht ab.“ Dafür werde der Sport viel zu ernst genommen. Ein bisschen Spaß muss sein. Deshalb werden die polnischen Spiele von Gusowski witzig kommentiert. Reden kann er, denn den Job als Clubchef macht er ehrenamtlich, sein Geld verdient er in erster Linie als Radiomoderator. RBB, WDR, polnischer Rundfunk. „Kommentiert wird satirisch: Wir kennen uns mit Fußball aus, wir sind immer bestens vorbereitet, kennen alle Spieler und haben auch alle Statistiken im Kopf.“ Und mit dem Schiedsrichter stehen sie natürlich auch immer in Kontakt, auch wenn der gerade 531 Kilometer weiter östlich in Warschau über den EM-Rasen rennt.

Dieses Programm können sie nicht jeden Abend bieten, „nur bei A-Spielen“, sagt Gusowski. Aha. Und was sind A-Spiele? „Die polnischen, die deutschen und die ukrainischen Spiele.“ Die Ukraine ist der zweite EM-Gastgeber. Die B-Spiele übertragen sie klassisch.

Bildergalerie: Die Eröffnungsfeier

Die Fußball-EM hat begonnen
Endlich läuft die EM - die polnischen Fans freuen sich auf das Turnier im eigenen Land.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: dpa
08.06.2012 17:11Endlich läuft die EM - die polnischen Fans freuen sich auf das Turnier im eigenen Land.

Seit 2001 betreibt er mit Piotr Mordel den Club, erst in der Tor-, jetzt in der Ackerstraße. „Das Problem war, dass es damals gar keinen richtigen Treff für Polen in Berlin gab. Die Gründung war also auch reiner Eigennutz, inzwischen ist der Club aber nicht nur für uns sehr wichtig geworden, sondern auch für viele Menschen anderer Kulturen, die immer wieder vorbeikommen.“ Die Öffnungszeiten richten sich nach polnischen Gepflogenheiten: „Geöffnet, wenn nicht geschlossen.“

Die Kneipe in der Ackerstraße ist aber nicht der einzige Treff der polnischen Fans, wo in diesen EM-Tagen der Fernseher läuft. Neben dem Club der polnischen Versager lädt auch die Deutsch-Polnische Gesellschaft zum gemeinsamen Fußballschauen und zu polnischen Literaturvorlesungen ein – ins Amerika-Haus am Bahnhof Zoo.

Club der polnischen Versager, Ackerstraße 168, Eintritt: 2 Euro. Mehr Informationen zu der Deutsch-Polnischen Gesellschaft unter www.dpgberlin.de. Auch im polnischen Restaurant „Pierogarnia“ in der Turiner Straße 21 in Wedding werden alle Spiele übertragen – Öffnungszeiten unter: ww.pierogarnia.de

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