Berlin : Computerspiele enthemmen

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Betrifft: „Fünfzehn Minuten Ruhm“ im Tagesspiegel vom 28. April 2002

Der amerikanische Militärpsychologe Dave Grossman stellt in seinem Buch „Stop Teaching Our Kids to Kill“ (Random Press, New York 1999) einen direkten Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Computerspielen und den Massakern an amerikanischen Highschools der vergangenen Jahre her. Grossman, der lange an der Westpoint Academy gelehrt hat, weist darauf hin, dass Computerspiele mit denselben Mechanismen arbeiten wie die Simulationen des amerikanischen Militärs. Grossman bezieht sich auf Brutalo-Spiele wie „Quake II“ und bezeichnet diese als Tötungssimulatoren, die die natürliche Hemmschwelle des Menschen, einen Artgenossen zu töten, abbauen. Grossman beschreibt, wie Computerspiele Kinder zu Killer machen: „Sie geben ihnen den Willen und die Fähigkeit zu töten an die Hand. Das einzige, was ihnen dann noch fehlt, ist die Waffe.“

Persönlich habe ich die Wirkung von Computerspielen erfahren: Ich habe einmal ca. 1,5 Stunden ein Autorennspiel gespielt. Anschließend habe ich mich ans Steuer meines Autos gesetzt, um nach Hause zu fahren. Nachdem ich an einer der nächsten Kurven mit überhöhtem Tempo über eine Bordsteinkante gefahren war, bin ich zum Glück wie aus einer Art Trance wieder aufgewacht, habe mich gefragt, was da eigentlich mit mir los ist und bin wieder angemessen gefahren. Nur durch dieses einmalige Spielen habe ich mein Verhalten in gefährlicher Weise verändert.

„Wenn es stimmte, dass die Amokläufer erst vom Kino oder von Videospielen inspiriert würden, müsste man jegliche Darstellung von Aggression, von Hass verbieten", meint im Tagesspiegel Elisabeth Bronfen. Es geht hier aber nicht um - verharmlosende - „Inspiration“, sondern um dauerhafte Beeinflussung, quasi um Gehirnwäsche, denn diese Computerspiele werden häufig stundenlang gespielt. Die Realität rückt dann in den Hintergrund. Ein Einzelgänger wie der Täter, der sich häufig in seinem Zimmer aufhielt, hat hierzu besonders viel Gelegenheit.

Müssen wir es zulassen, dass Kinder und Jugendliche per Computerübung in ihrem Kinderzimmer trainieren, die Achtung vor dem menschlichen Leben zu verlieren? Es geht nicht um ein entweder-oder der Gründe, sondern eher um eine Kumulation verschiedener Faktoren, bei der der Einfluss der Tötungssimulatoren in der Vergangenheit zu sehr venachlässigt wurde. Mit diesen „Spielen“ werden riesen Summen verdient, und diejenigen, die daran verdienen, werden in der nächsten Zeit vermutlich manches tun, um ihre „Spiele“ in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. Hoffentlich lässt sich hiervon kein Politiker blenden.

Achim Bormuth (Psychotherapeut)

Berlin-Friedenau

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