Berlin : CONTRA von Christian van Lessen

Mit dem Mangel leben, sich den Milliardendefiziten ergeben? Berlin ist Bundeshauptstadt, und es geht ihr finanziell verdammt schlecht. Aber es scheint, als ginge es der Stadt immer schlechter, seitdem gespart wird. Seit zehn Jahren, seit Berlin den nötigen Preis für die Einheit zahlt, hören wir: sparen, sparen, sparen! Wir sparen uns kaputt, und das muss aufhören. Der Bund muss erkennen, dass Berlin eine Sonderhilfe braucht, weil es - viel mehr als Bonn es je sein konnte - die Visitenkarte des Landes ist.

Zum Thema Ted: Schuldenlast - Soll Berlin mit dem Mangel leben?
Nur ein paar Beispiele erster oder auch letzter Eindrücke für Fremde: Wer abends auf der Avus der Stadt zufährt oder sie verlässt, ist von deren provinzieller Dunkelheit überrascht, obwohl überall Leuchten stehen. Aber sie leuchten schon lange nicht mehr, aus Spargründen. Hat sich das je ausgezahlt? Hat es sich überhaupt gelohnt, schätzungsweise jede zweite Straßenleuchte auszuschalten?

Wer abends Berlins Edelplatz Gendarmenmarkt zustrebt, sieht viel Düsternis. Aber auch tagsüber gibt es genug Schattenseiten: Die Grünanlagen wirken ungepflegt, eine Hasenheide würde in anderen deutschen Großstädten wie ein Schatz gehütet. Aber in Berlin wird stets und ständig die Sparkeule geschwungen, Ansprüche sinken. Straßen sind seit Jahren löchrig, Schulen schäbig, Busse und Bahnen beschmiert und zerkratzt. Das Notopfer Berlin der Deutschen Bahn: Sie lässt ein Bahnhofsdach verkürzen, damit Fahrgäste im Regen stehen und gleich wissen: typisch Berlin!

Wirklich? Sollen wir uns auf Dauer daran gewöhnen, pleite zu sein und weltweit Mitleid und Spott zu ernten? Mangel-Metropole, armer Osten in einem der reichsten Länder der Welt zu sein? So kommt nichts voran, das lähmt. Nicht nur die Berliner haben Anspruch auf eine vorzeigbare, selbstbewusste Hauptstadt. Und die hat ihren Preis. Für alle.

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