Berlin : Copacabana

Frank Jansen

Brasilien hat bei der WM ziemlich enttäuscht. Der Zauberer Ronaldinho mutierte zum Zauderer, der die Spiele irgendwie hinter sich bringen wollte. Die anderen Kicker der Seleção waren nicht besser. Da drängt es einen jetzt nicht unbedingt zur Suche nach einer brasilianischen Bar, in der dann wahrscheinlich auch über sicher geglaubte WM-Wetten („Brasilien wird Weltmeister – wer sonst?“) geredet wird, die blamabel endeten („Du hast wie alle anderen Deppen auf Brasilien gesetzt? Höhö! Ich hab’ Italien getippt und kauf’ mir jetzt ’n Alfa Spider“). Dass drinking man und compañera dann doch in Wilmersdorf an ein brasilianisches Lokal gerieten, war also eher Zufall. Und dem Umstand geschuldet, dass die „Coquetel-Bar Copacabana“ noch kein Thekentanzzertifikat erhalten hatte. Die Pflicht zum Test wog natürlich schwerer als der Frust über Ronaldinho.

Drinnen war es zu warm, um dort zu sitzen. Außerdem strahlte die Einrichtung überraschend wenig brasilianische Lebensfreude aus: Der helle Holztresen war schmucklos zusammengezimmert, die grün-curry-farbenen Wände wirkten auch eher nüchtern. Mal abgesehen von ein paar im hinteren Raum angepappten Aufklebern in der Form von Blumenblüten. Da erschien der kleine Bambustresen, der vorne etwas verloren in einer Ecke stand, als Relikt aus fröhlicheren Zeiten. Vielleicht haben die Betreiber in maßloser Trauer nach der WM die meisten Insignien der Lebensfreude getilgt. Drinking man und compañera blickten etwas bang in die Karte. Der Margarita war jedoch klasse. Auch wenn der Geschmack zunächst eher glauben ließ, der nette und sehr authentisch wirkende Kahlkopfkellner habe aus Versehen einen Daiquiri gebracht. Weniger überzeugend präsentierte sich der Batida de Acerola (Acerola ist die Kirsche der Antillen). Der gelb-sämige Drink blieb flau. Auch der nichtalkoholische Graviola, sämig-weiß, konnte sich nicht richtig mitteilen. Danach drängte es das drinking couple nicht mehr nach weiteren Getränken. Die Snacks, vor allem die panierten Hühnerfleischkroketten in Birnenform, waren hingegen sehr lecker.

Brasilien leistet sich also, zumindest in Deutschland, auch nach der WM weitere Durchhänger. Wenn das so weiter geht, werden noch die Berliner die besseren Brasilianer.

Copacabana, Pfalzburger Straße 11, Wilmersdorf, Tel.: 88 70 18 18, geöffnet montags und mittwochs bis samstags ab 15 Uhr, dienstags ab 18 Uhr (mit Buffet) und sonntags ab 11 Uhr (Brunch bis 16 Uhr)

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