Berlin : „Da kann man ja gleich auswandern“

Das Ende von Modern Talking hat Thomas Anders zu schaffen gemacht: „Wir waren einzigartig“, sagt er. Und was kommt jetzt? Ein Buch ist möglich, Musik sehr wahrscheinlich, die hohe Politik undenkbar.

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Im großen Saal der rumänischen Botschaft in der Dorotheenstraße hat der Musiker Thomas Anders am Dienstagabend einen Scheck über 125000 Euro überreicht. Mit dem Geld, das er in der Quizshow „Wer wird Millionär?“ eingespielt hat, soll die HenryCoanda-Stiftung hochbegabte rumänische Kinder fördern. Anders trägt einen dunklen Anzug, einen Dreitagebart, eine tabakfarbene Hermes-Krawatte und das passende Einstecktuch. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt seit dem letzten Konzert an der Seite von Dieter Bohlen am 22. Juni in der Wuhlheide. Heiko Zwirner sprach mit ihm.

Was verbindet Sie mit jungen rumänischen Talenten?

Es gibt sehr viele kranke und bedürftige Menschen, die unsere Hilfe verdienen. Aber vor meinem Auftritt bei Günther Jauch musste ich mich für einen Zweck entscheiden. Mir war wichtig, dass das Geld Kindern zugute kommt, die nicht krank sind, aber dennoch Unterstützung und Förderung brauchen. In Rumänien ist die Abwanderung junger Talente ein großes Problem. Die besten Leute gehen zum Studieren und Arbeiten ins Ausland. Bei denen, die bleiben, verkümmert das Talent wegen fehlender finanzieller Möglichkeiten. Das ist das Schlimmste, was einem Land passieren kann.

Bei welcher Frage in der Show sind Sie ausgestiegen?

Was ist ein Blödauge – Affe, Schmetterling, Schlange oder Vogel?

Und was war die richtige Antwort?

Ich hätte auf Schmetterling getippt, aber es handelt sich um eine Schlange. Ich habe noch nie in meinem Leben von einer Schlange gehört, die Blödauge heißt. Gut, dass ich gepasst habe.

Welche Pläne haben Sie nach dem Abschied von „Modern Talking“ nun?

Ich arbeite mit Volldampf an einem Soloalbum, das nächstes Jahr erscheinen soll. Täglich bekomme ich zehn bis zwölf Songideen.

Ist denn schon abzusehen, in welche Richtung es musikalisch geht?

Ich werde dem Modern-Talking-Stil definitiv treu bleiben. Ich habe neulich eine Umfrage gelesen, dass 90 Prozent aller Deutschen es schade finden, dass es Modern Talking nicht mehr gibt. Bei so einer Nachfrage wäre ich doch total dämlich, wenn ich plötzlich Britpop machen würde.

Und wann können wir Ihre Version von „Nichts als die Wahrheit“ lesen?

Ich habe nicht vor, Dieters Version der Wahrheit zu korrigieren. Autobiographien haben immer etwas Subjektives. Das ist auch legitim. Ich werde sicher irgendwann ein Buch schreiben, aber noch nicht jetzt.

Mit seinem Buch und seinen Auftritten bei „Deutschland sucht den Superstar“ hat sich Dieter Bohlen zur omnipräsenten Figur entwickelt. Modern Talking war Teil einer gewaltigen Vermarktungsmaschine. Sind Sie erleichtert, dass diese Maschine für Sie nun zum Stillstand gekommen ist?

Erleichtert kann man nicht direkt sagen, aber unter den Bedingungen, die zuletzt herrschten, hatte es keinen Sinn mehr, weiter zu machen. Dieter hat immer wieder gesagt, dass er keine Lust mehr hat und dass ihm zum Thema Modern Talking nichts mehr einfällt. Das war für ihn und für das Umfeld eine Qual. Für mich öffnet sich nun ein neuer Weg, ich fühle mich befreit, weil ich keine Absprachen mehr treffen muss.

Der „Zeit“ verrieten Sie, das Sie am liebsten auf italienischen Bauernhöfen Oliven pflücken würden. Wann soll es los gehen?

Nach dem Erscheinen des Artikels haben einige Medien sogar geschrieben, dass ich jetzt Landstreicher werden will. Das ist natürlich Quatsch. Mir ging es um die Vorstellung, eine Auszeit zu nehmen, und um den Wunsch, den Zwängen des sozialen Gefüges zu entfliehen, in das ich eingebunden bin. In dem Artikel stand aber auch, dass ich dazu wahrscheinlich nicht den Mut haben werde.

Dennoch wäre ein Artikel in einer seriösen Wochenzeitung, der Ihnen so nahe kommt, vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Fast immer war Häme im Spiel, wenn über Modern Talking berichtet wurde. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

In den 80ern war Modern Talking nur ein Disco-Duo, dessen Erfolg niemand verstanden hat. Viele Kritiker haben uns unterschätzt. Nach unserem Comeback haben einige von ihnen eingesehen, dass sie unterscheiden müssen zwischen der Musik, die sie am liebsten zu Hause hören, und der öffentliche Akzeptanz für Modern Talking. Wir haben Musikgeschichte geschrieben. Was wir gemacht haben, war einzigartig. Und so sollte man es auch stehen lassen. Schließlich hatten wir nie den Anspruch, mit unseren Texten die Welt zu bewegen. Unsere Musik soll gute Laune machen. Schon die Höhlenmenschen haben Musik gemacht, um sich zu unterhalten. Keiner ist damals mit Lendenschurz und Maultrommel ums Feuer gerast, um politisch etwas zu bewegen.

Vor kurzem haben Sie mit einem bissigen Gastkommentar in der „Welt“ auf den Spott des SPD-Popbeauftragten Gabriel anlässlich der Trennung von Modern Talking reagiert. Werden Sie auch zukünftig politische Kommentare schreiben?

Wenn einem die Politiker solche Vorlagen geben, muss man einfach zurückschießen. Politiker sollten sich um unser Land kümmern, aber doch bitte nicht um Popmusik. Stellen sie sich doch umgekehrt mal einen Popmusiker als Bundeskanzler vor. Da kann man ja gleich auswandern.

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