Berlin : Daniel Plaisant: Ein Sozialarbeiter mit einem Faible für das "LSD-Viertel"

Michael Brunner

Es war eine Mischung aus Angst und Misstrauen. "Das bleibt nicht so, sie können die Grenze jederzeit wieder dicht machen", sagte Mutter Plaisant 1989 nach dem Mauerfall. So kam es, dass Daniel Plaisant quasi von einem Tag auf den anderen gemeinsam mit den Eltern von Wernigerode im Harz nach Frankenberg in Hessen gelangte. Elf Jahre später sitzt der inzwischen 26-jährige Sozialarbeiter im schmucklosen Flachbau einer ehemaligen Kindertagesstätte an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg. "Ferienjobvermittlung im Prenzlauer Berg" steht an der Tür: Schüler zwischen 15 und 17 Jahren können hier nach Jobs für die freien Wochen im Sommer fragen und sich nach dem Vorbild studentischer Arbeitsvermittlungen wie "Heinzelmännchen" oder "Tusma" an kleine und mittlere Firmen vermitteln lassen.

Die Ferienjobvermittlung nahm ihre Arbeit im Juni auf. Die Erfahrungen von Daniel Plaisant sind deutlich: Jobvermittlung selbst sei ein harter Job. Fünf Schüler konnte Daniel Plaisant vermitteln, drei zum Zeitungsaustragen, ein Mädchen an eine Reinigungsfirma, ein weiteres Mädchen an eine Rechtsanwaltskanzlei. Entmutigt ist der Nachfahre einer Hugenotten-Familie aber keineswegs. Denn er weiß, was er will. "Die Ferienjobvermittlung soll an eine Gruppe von Realschülern übergehen, die das ganze als Schülerfirma weiterführen", sagt der Sozialarbeiter, der an junge Leute glaubt und ihnen gern eine Chance geben will. "Schüler können richtig kreativ sein. Wenn sie das Gefühl haben, es könnte etwas für sie herauskommen, sind sie auch begeistert und motiviert", sagt er und spricht damit aus praktischer Erfahrung: Er hat seine Ferienjobvermittlung an einer Realschule in Prenzlauer Berg vorgestellt und vier junge Interessenten gefunden.

Plaisant kennt die Arbeitswelt nicht nur aus der Zeitung und aus dem Fernsehen. Er hat in Fabriken gearbeitet, im Gartenbau und auf Baustellen. Er hatte Jobs in Diskotheken und absolvierte eine kaufmännische Lehre bei einem Unternehmen aus dem Baustoffhandel. Danach, es war im Jahr 1995, machte er in Frankenberg das Fachabitur. Zur Bundeswehr zog es ihn nicht, er arbeitete lieber als Zivildienstleistender an einer Behindertenschule. "Die Arbeit machte mir Freude, und ich fand Anerkennung. Das war ein positives Erlebnis", sagt er. Nicht ganz so positiv empfand Daniel Plaisant die beiden Semester, die er ab 1996 an der Gesamthochschule Kassel studierte. "Kassel bot nicht die richtigen Perspektiven", sagt der junge Mann, der alsbald seine Fühler in Richtung Berlin ausstreckte.

Heute wohnt er mit seiner Freundin und seiner zweijährigen Tochter in einer geräumigen Altbauwohnung in der Nähe der Schönhauser Allee. "Ich mag das LSD-Viertel", sagt er und meint damit die Gegend um Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße, die wegen der Anfangsbuchstaben L, S und D bei Sozialarbeitern so genannt wird. Plaisant ist viel mit seinem Motorrad unterwegs, gelegentlich auch mit dem Fahrrad. Sein Studium an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Hellersdorf hat er mit einer Diplomarbeit über "Niedrigschwellige Beratung in der Jugendberufshilfe" abgeschlossen. Und genau auf diesem Gebiet sieht er seine berufliche Zukunft. Er weiß, dass ihn die Verwirklichung seiner Pläne Schweiß kosten wird. Aber davor hat er keine Angst, darauf freut er sich.

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