Berlin : Das Ateliergewölbe liegt endlich wieder frei

Neues von der Baustelle: Liebermann-Gesellschaft feiert zehnjähriges Bestehen und will Sanierung der Malervilla am Wannsee bis Jahresende abschließen

Andreas Conrad

Mitte April 1910 waren die Arbeiten an der Sommervilla, die sich Max Liebermann an das Westufer des Wannsees baute, weit vorangeschritten. Im Vorjahr hatte er das Grundstück erworben, mittlerweile stand das Gebäude, war eingedeckt, und die Maler begannen mit ihrer Arbeit. Wie damals üblich, beklebten sie die Wände erst mit alten Zeitungen, vor dem eigentlichen Tapezieren und Streichen. Vielleicht hatte die Arbeitswoche gerade begonnen, als einer der Handwerker erst zum Kleisterquast, dann zu seinem „Berliner Lokal-Anzeiger“ griff, genauer der ausgelesenen Abendausgabe vom Freitag, dem 15. April 1910. Ein letzter Blick fiel auf eine Reklame für Salamander-Schuhe und „Divan-Decken“ zu 4,85 Mark das Stück. Vielleicht sollte er sich doch eine besorgen…

Fast ein Jahrhundert blieb die Werbebotschaft verborgen, erst jetzt ist sie bei der Sanierung des Gebäudes in der Colomierstraße 3 in Wannsee wieder aufgetaucht. In einer Kammer neben dem Atelier des Malers waren die Scheuerleisten abmontiert worden, dort hatte das frühe Zeugnis aus der wechselhaften Hausgeschichte überdauert. Und auch der Boden selbst ist ein Beispiel für die zu Liebermanns Zeiten übliche Bauweise: Unter dem Parkett war Schlacke zur Dämmung aufgeschüttet worden, die auch erhalten bleiben soll. Nur grob reinigen will man den knirschenden Untergrund.

Dass es in nur zehn Jahren soweit kommen könnte, hätte wohl niemand sich träumen lassen, als am 16. März 1995 die Max-Liebermann-Gesellschaft gegründet wurde. Das heißt, eigentlich ist der entscheidende Zeitraum viel kürzer anzusetzen: Erst im September 2002 wurde der ehemalige Sommersitz des Malers von der Gesellschaft übernommen, zuvor hatte ein Taucherclub die dem Land gehörende Immobilie genutzt. Rund 840 Mitglieder hat der Verein inzwischen, zum Jubiläum hoffte man die 1000 voll zu bekommen, was nicht ganz geklappt hat. Aber die Bilanz der Arbeit kann sich doch sehen lassen.

Das interessierte Publikum kann das momentan allerdings nicht mit eigenen Augen tun: Seit Anfang des Jahres sind Haus und Garten wegen der Bauarbeiten geschlossen, eine Öffnung zu Ostern musste verschoben werden. Erst Ende April wird wieder geöffnet, mit Absperrungen hier und da, damit Bauarbeiten und Besucherstrom sich nicht gegenseitig behindern. Ende des Jahres hofft man fertig zu sein.

Außen wird an dem eingerüsteten Gebäude gerade der Putz sandgestrahlt, auch das Dach ist teilweise neu gedeckt, mit Ziegeln, die nach dem Vorbild der Originale eigens gefertigt wurden. Innen will man die Acrylfarbe auf den Wänden abbrennen und so den Originalputz retten. Endlich ist auch wieder der Raumeindruck halbwegs vorstellbar, den Liebermann in seinem Atelier im Obergeschoss hatte. Das Tonnengewölbe war von den Vornutzern durch eine abgehängte Decke verdeckt worden, erst jetzt ist sie entfernt worden. Das Atelier soll einmal der Mittelpunkt des künftigen Museums werden.

Auch das alte Gärtnerhaus ist Baustelle. Hier sollen Kasse und Shop untergebracht werden. Rund 2,8 Millionen Euro wird alles kosten, 1,2 Millionen Euro entfallen auf den Garten, der Rest auf die Villa und das Nebengebäude. Das Geld stammt unter anderem von den Stiftungen Reemtsma, Cornelsen, Lotto und Denkmalschutz, von der Denkmalpflege des Senats und dem Unternehmer Adolf Würth. Bislang liegen alle Arbeiten im Kostenplan, sagt Anke Stemmann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Das kann man nicht von allen Bauprojekten in der Stadt behaupten.

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