Berlin : Das bürgerliche Lager

Christian van Lessen

André Krigar sitzt in seinem Atelier in der Nähe des Botanischen Gartens, horcht hinaus auf die Straße – und hört nichts. Und das an einem Werktag, nachmittags. „Ich bin ein sehr nervöser Mensch“, sagt der bekannte Maler meist unruhiger Stadtlandschaften. „Da brauche ich einen Gegenpol.“ Steglitz ist das für ihn: Es strahlt eine gewisse Ruhe aus – hier, an der Manteuffel- / Ecke Lipaer Straße.

Welch ein Kontrast zur Arbeit, die ihn hektisch nach draußen treibt. Der Schriftsteller Günter Kunert hat Krigars Arbeit beobachtet: „Hemmungslos stellt er sich mit seiner Staffelei auf irgendeine Straße, erschließt sich die Gegenwart der Stadt, ihr Tempo. Vermittelt Eindrücke wie vom Auto aus. Zeigt Berlin heterogen, brutal, verwirrend und wirr.“

Krigar malt in Mitte, Prenzlauer Berg, er steht am Potsdamer Platz, am Spreeufer oder auch an der Fasanenstraße. Relativ spät hat er die Motive entdeckt, die sein Heimatbezirk zu bieten hat. Die Schloßstraße natürlich, mit ihren Kaufhäusern, mit dem Kreisel. Krigar geht oft spät abends oder nachts auf die Straße, viele Leute kennen ihn, manche halten ihn für einen Verrückten, wenn er seine Staffelei auspackt und dann anfängt zu malen – vielleicht vor Karstadt oder auf der Brücke vorm S-Bahnhof Feuerbachstraße, Motiv: die Stadtautobahn. Und Krigars Zimmermannstraße sieht so apart aus wie die berühmtere Fasanenstraße.

Die Steglitzer Bilder sind, sagt André Krigar, vielleicht nicht so urig und voller Klischees wie beispielsweise die von Mitte. Aber Steglitz, diesen bürgerlichen Bezirk zu malen, „ist nicht abgegriffen und wird immer reizvoller“. Auch wenn sich die Bilder vom Brandenburger Tor oder der Staatsoper vermutlich besser verkaufen lassen. In Steglitz wohnt der 1952 geborene Künstler seit seinem zweiten Lebensjahr, abgesehen von kurzen Zwischenstationen in Wilmersdorf und Wedding. Es zog ihn zurück, er liebt die „Trägheit, die der Bezirk ausstrahlt“. Es findet es traumhaft, in einem reinen Wohnbezirk zu leben. „Man kommt hier zu sich und wird doch nicht zu sehr herausgerissen.“ Das kulturelle Angebot sei groß, die meisten Berliner, die Steglitzer selbst, wüssten das bloß nicht. Das aber sei ein „Problem der Vermittlung“, des Bezirksamtes. In Mitte gebe es Galerie-Rundgänge, warum nicht hier? Selbst Wedding stelle sich als Kulturbezirk dar. Krigar freut sich jedenfalls, dass es so viele Galerien gibt, ein paar Kinos, das Schloßparktheater, die Schwartzsche Villa, das Wrangelschlösschen. Er sieht aber die Gefahr, dass Steglitz durch die neuen Einkaufszentren an der Schloßstraße nur noch mit Kommerz verbunden wird. Warum kann nicht eines der Kaufhäuser ein Schaufenster für die Kultur öffnen?

Den Kreisel abzureißen, das wäre schade, den findet Krigar nicht mehr so schlecht wie früher. Sein Lieblingsort ist nicht weit entfernt: Die Galerie Classico in der Schützenstraße – seine Heimat-Galerie.

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