Berlin : Das Ende der Sprachlosigkeit

Trotz des furchtbaren Verbrechens im Kiez feierten die Anwohner ihr Straßenfest – auch, um zu gedenken.

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Treffen trotz der Tragödie. Beim Straßenfest in der Bernburger Straße war vielen Anwohnern noch der Schock über die Familientragödie im Kiez anzumerken. Viele kannten die Ermordete Semanur S. und ihre Kinder.
Treffen trotz der Tragödie. Beim Straßenfest in der Bernburger Straße war vielen Anwohnern noch der Schock über die...

„Are you lonesome tonight?“, die fast 90 Jahre alte Melodie klingt durch die Bernburger Straße in Kreuzberg. Nein, heute soll hier möglichst niemand einsam sein, sagt Stephan Seidel: „Natürlich haben wir überlegt, ob das Fest angesichts dieser furchtbaren Tat überhaupt stattfinden soll – aber viele Anwohner sind froh, wenn sie die Sprachlosigkeit überwinden und miteinander reden können. Und wir trauern heute ja auch gemeinsam.“

Stephan Seidel ist Pfarrer in der St. Lukaskirche der Berliner Stadtmission, die gemeinsam mit der Gehörlosengemeinde an diesem Sonntag zum Straßenfest eingeladen hat. Eine Woche, nachdem ein paar Häuser weiter, an der Ecke der Bernburger zur Köthener Straße, eines der grausamsten Verbrechen Berlins begangen wurde: Der nach bisherigen Erkenntnissen psychisch kranke 32-jährige Orhan S. tötete seine zwei Jahre jüngere Frau Semanur. Anschließend verstümmelte er die Tote, warf ihren Kopf von der Dachterrasse in den Innenhof. Die sechs Kinder des Paares im Alter von elf Monaten bis 13 Jahren waren in der Wohnung – wie viel sie vom Geschehen mitbekamen, ist noch unklar.

Die Mädchen und Jungen, die jetzt auf dem Straßenfest tanzen, die Hüpfburg zum Beben bringen oder sich die Gesichter bemalen lassen, haben alles über die Tat erfahren. Viele von ihnen treffen sich mehrmals wöchentlich im Stadtteilzentrum Alte Feuerwache in der Bernburger Straße. Auch der älteste Sohn von Orhan und Semanur S. war oft hier.

„Ein lieber, völlig unauffälliger Junge“, sagt Mohamed Mansour. Er hat hier am Anhalter Bahnhof 2003 als Sozialarbeiter angefangen. Damals seien die Probleme – vor allem mit Drogen – noch viel größer gewesen, erzählt er. Inzwischen würden aber immer mehr Menschen wegziehen, die Mieten stiegen wegen der Nähe zum Potsdamer Platz dramatisch.

Das hört man von vielen Anwohnern. „Die Zeitungen schreiben jetzt alle, dass die Häuser hier völlig verdreckt sind“, sagt eine 38-jährige Libanesin, die ebenfalls in der Köthener Straße wohnt. „Aber dass viele Vermieter alles vergammeln lassen, weil sie die Mieter loshaben und dann die Häuser edelsanieren wollen, gehört auch zur Wahrheit.“

Auch Claudia Held, die in der Stadtmission der St. Lukaskirche als Fachkoordinatorin vor allem Kinder, aber auch Familien betreut, kennt das Problem. „Man darf da nicht nur ins Treppenhaus schauen, die Wohnungen der meisten Familien sind tipptopp sauber“, sagt sie.

Und erzählt von dem Schock, den sie und alle Mitarbeiter in der Stadtmission erlitten hätten, als sie von der Tat hörten. Immer wieder habe sie sich gefragt, ob und wie man das hätte verhindern können. „Vielleicht, indem alle viel mehr als bisher miteinander reden“, sagt sie.

Deshalb sei sie genau wie die arabischen, türkischen und kurdischen Frauen in ihrem Projekt der Ansicht gewesen, dass das Fest stattfinden solle. Und so haben sie Gerichte aus ihrer Heimat gekocht, die sie nun auf der Bernburger Straße verkaufen. Es sind nicht so viele Menschen gekommen wie bei den Festen in den Jahren zuvor, aber die Stände sind gut besucht. Die Kreuzberger Stadtteilmütter verteilen Flyer von Hilfsorganisationen und Hotlines gegen häusliche Gewalt, Mitglieder der Gehörlosengemeinde, meist ältere Damen und Herren, gestikulieren an den Holztischen.

Die Reden werden für sie in die Gebärdensprache übersetzt, und so verfolgen sie die Ansprachen der Kreuzberger Familienstadträtin Monika Herrmann, die berichtet, dass die Kinder von Semanur S. gut betreut werden, und der beiden Pfarrer Stephan Seidel und Roland Krusche. Sie haben das sogenannte Osterkreuz auf die Bühne gestellt, an das jeder seine Gedanken, Wünsche, Trauer oder Hoffnung hängen kann, aufgeschrieben auf kleine Zettel. Auch Agnieszka N. hat einen Zettel an das Kreuz gebunden. Sie bete vor allem für die Kinder, sagt sie und blickt liebevoll auf ihren acht Monate alten Sohn. Eine Frau hat auf dem Zettel gefragt: „Warum musste sie so leiden?“, ein Mann schrieb: „Gott vergib ihm.“

Der Wunsch von Claudia Held ist diesseitig. Seit Jahren finanziert sie ihre Arbeit mit den Kindern und Frauen allein aus Spenden für die Stadtmission. Sie erhält weder von der Kirche noch vom Staat irgendwelche Gelder. „Dreieinhalbtausend Euro“, sagt sie leise, „das würde genügen, um ein Jahr lang Elterncafé für die arabischen und türkischen Mütter hier zu organisieren. Die reden dann nicht immer mit mir, aber sie reden miteinander – und das wäre so wichtig.“

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