Berlin : Das Geheimnis der Bärenmarke

Konrad und Kevin planen das ganz große Ding: Sie wollen Berlin absperren und damit ein paar Millionen kassieren – aber jemand kommt ihnen zuvor

Tanja Dückers

Konrad und Kevin sitzen nebeneinander in der Pizzeria Multikulti auf der Schönhauser Allee und haben schlechte Laune. Konrad ist eben von einer Bulette beim Auf-dem-Bürgersteig-Fahren erwischt worden und muss dafür 14,5 Biere abdrücken. Umgerechnet. Und Kevin, der nach der Wende von Hiddensee nach Berlin gezogen ist, hat ausgerechnet in der Kneipe die Zeche prellen müssen, wo sich seine Arbeitsamt-Tante noch abends am Tresen ihr Zubrot verdient. Und wo er seit Wochen dabei ist, so ganz langsam und bedächtig einen guten Draht zu ihr herzustellen. Konrad ist zehn Jahre jünger als Kevin, sein zweiter Name ist Kosmo. Als er Anfang der Neunziger in die Schule ging, hieß jeder zweite Konrad, Otto, Karl, Gustav oder Albert. Fehlte bloß noch ein Traugott oder ein Siegfried. Alte deutsche Namen sind im Westen Deutschlands wieder in, im Osten ging es los mit den Ami-Namen, die die Westler seit Miami Vice nicht mehr hören können. Die Wende machte manche Unterschiede erst richtig deutlich. Konrad und Kevin pflegen jede Menge Vorurteile übereinander und sind beste Freunde. Broiler oder Hähnchen – geschenkt. Hauptsache mit Senf. Sie haben sich auf die Weise kennengelernt, die in Berlin beste Freundschaften entstehen lässt. Nicht im Verein oder in einer Kneipe – da macht man nur Bekanntschaften. Sie sind schlicht und ergreifend Nachbarn. Eines Tages ist Kevin im Treppenhaus eine Aldi-Tüte gerissen, und Konrad fiel zwei Stockwerke tiefer ein Six-Pack auf den Kopf. So etwas verbindet.

Aber heute ist Konrads und Kevins schlechte Laune (noch etwas, das sie miteinander teilen – es ist eine gemütliche schlechte Laune, eine nette, eigentlich: eine gute schlechte Laune) richtig mies; was sie meistens eben nicht ist. Kevin und Konrad halten sich simultan eine Hand auf den Magen, seufzen auf. Sie haben das Karlsruher Urteil noch nicht verdaut. Kevin ist der Ansicht, dass Wowi eine doofe Schwuchtel ist und nicht genug Biss hatte, sein Ding durchzusetzen. Konrad findet dieses Argument nicht korrekt und überhaupt total daneben. „Auch Schwarzenegger wär’ in Karlsruhe, wie soll ich sagen ...? also fett in Hundescheiße getreten, und zwar in so’n Berg!“ – er deutet es mit den Händen an, es sieht aus, als hält er ein unsichtbares Baguette in den Händen.

Kevin stützt sein Kinn auf die Hand. Denkerpose. „Es geht nicht an, dass wir Berliner uns hier ständig und viel mehr vereinigen müssen als die ganzen Zaungäste da drüben, die nur mal kurz im Sommer ihre gepuderten Hintern in die Ostsee halten ...“

„Mein Großvater und mein Vater sind beide arbeitslos geworden, als die großen Banken damals wegen der Blockade alle Schiss bekamen und in den Westen abgezogen sind ...“

Kevin wundert sich immer wieder darüber, dass Konrad auch vom Westen spricht, aber damit etwas ganz anderes meint als Berlin-West. Nämlich etwas, das Berlin-West ausgeschlossen hat, zu dem Berlin-West nie gehört hat. So klingt es zumindest in Konrads Reden. Der Westen fängt für jeden ganz woanders an, denkt Kevin. Und erinnert sich an den Mann aus Kentucky, der ihm auf seiner ersten USA-Reise an einer Tankstelle den Weg „nach Westen“ wies. Von sich selber sagte dieser Mann, er würde „in the middle of nowhere“ wohnen. Vielleicht hat Konrad sich ja früher auch so gefühlt?

Konrad fängt jetzt wieder mit Karlsruhe an.

„Weißte, Kevin, ich hab da ’ne Idee ...“

Kevin seufzt auf; Konrad hat schon so manche Idee gehabt. Vor zwei Jahren haben sie in der Sackgasse, auf die ihre kleine Straße zuläuft, ein „Berliner Oktoberfest“ vorgegaukelt, ihre (zu Recht) skeptischen Freundinnen dazu gebracht, in „SO 36-Tracht“ (Lederröckchen, tiefer Ausschnitt, grün gefärbte Zöpfchen, Springerstiefel) herumzulaufen und Schrippen mit Wurscht anzubieten. Dazu hatten sie Berliner Kindl für horrende Preise verkauft und blauweißes Rautenpapier zum Po-Abwischen auf den Dixieland-Toiletten angeboten.

Der Besucherandrang hielt sich in Grenzen, und am Ende hatte Kevin nur Ärger mit seiner Freundin und einer Gruppe bayrischer Touristen.

Ein anderes Mal hat Konrad die Superidee gehabt, den „Karneval der Barbaren“ an der „Ständigen Vertretung“ vorbei- nein, marschieren konnte man das nicht nennen, -torkeln zu lassen. Es war alles andere als warm im Februar ’98, doch Kevin trug nichts außer einem Lendenschurz und einer Gorillamaske. Dazu musste er einen sauschweren Knüppel, es war eher ein halbierter Baum (es war unschwer zu erkennen, dass Konrad dafür den Baum vor der Küche geopfert hatte), tragen. Die Barbaren waren eine Horde von ungefähr 20 Kumpels von Konrad, sie tranken die ganze Zeit Kindl, um nicht zu erfrieren oder miese Laune (nicht schlechte, sondern miese) zu bekommen. Sie schwangen ihre Knüppel und riefen durcheinander. Eigentlich wollten sie sich gegen den Zuzug der Bonner äußern (sie hatten Angst, dies würde das Berliner Preisniveau und die Mieten steigen lassen), aber sie vergaßen im Suff die vielen Sätze, die sie sich zurechtgelegt hatten. Die Handvoll Gäste in der „Ständigen Vertretung“ lachten sich nur über sie tot – nur eine Gruppe bayrischer Touristen sprang kreischend zurück in ihren Bus.

Also – nicht wieder eine „Idee“!

„Kannste nicht mal ein Mindestinteresse für die Idee deines Freundes aufbringen?“, wird Kevin jetzt angeranzt. Und ist gerührt. Was für eine vorsichtige Art, Unmut auszudrücken. Geradezu ein dreifacher Rittberger in Diplomatie. Konrad kann einen auch an der Schulter rütteln und brüllen: „Hier spielt die Musik!“ Von wegen die Berliner seien Grobiane ... Wer kann schon so ein zartes „Mindestinteresse ... aufbringen“? Wie bescheiden, wie demütig! Kevin sieht Konrad jetzt also aufmerksam und wissbegierig an.

„Also, ich denke mir, wenn die Karlser Primaten da taub auf beiden Gehörgängen sind, dann müssen ... wir! Ich meine, wer denn sonst? Mal ehrlich, Kevin, wer denn sonst?“

Kevin erschauert. Konrad und er?

„Wer denn sonst – außer wir Berliner selber?“

Kevin beruhigt sich.

„Das Ding selbst in die Hand nehmen. Ich stelle mir eine Art Berlin-Maut vor ...“

„Berlin-Maut?“

„Ja, Kevin. Du hast da doch sicher noch alte Kontakte ...“

Worauf will Konrad jetzt bloß hinaus? Wieder so ein bescheuertes Vorurteil von einem arroganten Wessi – auch wenn er sein Freund ist? Die dusselige Nummer, dass jeder Ostler Stasispitzel gewesen ist?

Konrad fährt fort.

„Wir müssen die alten Grenzdinger, wie nennt man die denn noch mal, also diese Buden da, wieder aufmachen, und dann müssen wir, also wir ...“

Kevin hört weiterhin ruhig zu. Wir Berliner. Da kommen immerhin außer ihm noch 3 821 287 Menschen in Frage. Okay, die Säuglinge, Knastinsassen, Pflegefälle und Krankenhauspatienten muss man noch abziehen ...

„Also, du und ich, wir müssen uns unsere Leute vom Barbaren-Karneval, du weißt doch, mein größter Coup damals, mit dem ich – aber hoppla – ins Dingsda, wie hieß das nochmal? ... Businesslunch der Rekorde hätte kommen können ...

„Guinness ...“

„Nein, nicht jetzt. Erst denken, dann trinken. Also wir müssen jedem Berlinbesucher an den alten Grenzbuden ... sagen wir mal ... fünf Euroneten abknöpfen. An der Nord- und an der Ostsee nennt man das Kurtaxe! Auf den ganzen blöden Autobahnen Maut. Bei uns heißt das die ...“

„Baut“, sagt Kevin schlicht und zuckt die Achseln. Als Nächstes rettet er erst mal eine Fliege, die sich auf seine Bierkrone verirrt hat. Es dauert eine Weile, bis sie auf seinen Zeigefinger und von dort auf ein Hartblattgewächs auf der Fensterbank gekrabbelt ist.

Konrad holt tief Luft, allein beim Zusehen geht ihm die Geduld aus.

„Kevin, also: wir kleben jedem dann so’n Bären, da hab ich noch alte Sticker, glaube ich, aus’m Zoo, auf die Windschutzscheibe, also den Bären pappen wir da so rauf – das nennen wir dann stolz die Berlin-Vignette – und kassieren dafür fünf Eurone ...“

„Und was hat ... ich mein’ ja nur mal so ... das Gemeinwohl, also der Berliner so an sich davon, wenn wir beide hier uns’re Bauts abkassieren?“, fragt Kevin und blickt an die Wand, an der (s)eine Fliege gerade den italienischen Stiefel auf einer malerischen Route abfliegt. Das alles bedeutet doch nur wieder jede Menge Stress! Er möchte einfach in der Pizzeria Multikulti herumsitzen und schön schlecht gelaunt sein. Die geprellte Zeche bei der falschen Kellnerin. Karlsruhe. Die Ignoranz da drüben. Der Schmerz darüber. Das Unverstandensein. Berlin, die Motzhochburg, die diesmal klein beigeben musst. Die eins aufs Dach bekommen hat wie Frau Klowiak im Erdgeschoss von ihrem Kerl. Und der pissige Regen heute. Die laute Freiluft-U-Bahn auf der Schönhauser. Die nervenden BVG-Ansagen. Die ebenfalls schlecht gelaunten Mitmenschen mit ihren riesigen Vorweihnachtseinkaufstüten, die sie einem unentwegt in die Kniekehlen rammen ... Muss Konrad ihm mit seinem ewigen Lasst-uns-doch-Ärmel- hochkrempeln-und-irgendeine-Scheiße- bauen-Aktionismus wieder den ganzen Sonntagnachmittag verderben?

„Ach, was heißt hier Gemeinwohl ... ich meine, wir sind ja wohl auch Berliner, oder?“, keift Konrad jetzt. „Und wir haben ’ne Idee, wie wir zu den Spenden kommen, die die gepäppelten Karlsruher nicht rüberschieben wollen. Das ist doch ein guter Anfang. Help yourself! Hat dies nicht Kennedy gesagt? Ach nee, das war irgendwie anders. Ich, Konrad, sag’ jetzt jedenfalls: Jeder Berliner muss jetzt sein eigenes Konzept gegen Karlsruhe entwickeln, und wir haben eben für uns die Baut ins Leben gerufen. Das ist unsere Zweier-Ich-AG!“

Kevin schüttelt den Kopf. Help yourself. Konrad immer mit seinen nichtssagenden Anglizismen, wenn er auf der Theorieebene nicht weiterkommt.

„Nastrowje“, murmelt Kevin und hebt sein Bier hoch.

„Cheers!“, ruft Konrad fröhlich, und sie prosten sich zu.

Konrad umarmt ihn.

„Auf den Baut“, meint Kevin nun doch versöhnlich.

„Auf unseren Baut!“, Konrad scheint sich sehr zu freuen. Er braucht immer viel Bestätigung.

Kevin hat gehofft, der Baut, die ehemaligen Grenzanlagen, seine ehemaligen „Kontakte“ und all der Unsinn würden jetzt in goldgelbe Vergessenheit mit Krone geraten, doch da täuscht er sich.

„Kevin: Wie viel Mann brauchen wir, um jeden ehemaligen Grenzposten wieder zu besetzen? Überleg’ mal, wir müssen die Personalkosten möglichst gering halten ... Könnte man da auch versteckte Papageien trainieren? Und den Bärensticker aus dem Zoo klebt vielleicht jeder Autofahrer selbst auf? Und welchen Tag suchen wir uns für den Spuk aus? Es muss natürlich der Tag mit den mutmaßlich meisten Berlintouristen sein. Wann kommt die nächste Weltermeisterschaft nach Berlin? Mist, das dauert. Aber gibt’s nicht mal wieder so eine bekloppte Riesenausstellung, wo der normale Berliner sich nicht die Bohne drum kümmert und eher verkriecht, OMA oder ... „Karacho“? Wo busweise Allgäuer und anderer Käse angekarrt wird? Wann legen wir los, Kevin?! Guck nicht so! Stell dir unsere Verfassungsrichter vor, wenn sie die Tagesschau-Bilder sehen: Zwei Berliner, beste Freunde, ’n Westdepp und ’n Ostdepp, haben heute die Baut erhoben! Durch Berlins Schutzzone kommt man nur für’n Fünfer! Die beiden Männer sind mit den Berlin-Eintritten von soundsoviel tausend Besuchern längst über die Brandenburgische Steppe ... Sag mal, Kevin ... wie ist das da oben in diesem Hiddensee eigentlich so? Da kann man schon gut unterkriechen, oder? Wär’ das auch was für unsere Freundinnen? Ohne Lisa bin ich ’ne Primel. Gibt’s da auch Sanddornsaft, -gelee und -gesichtsmilch wie auf’m Darß und so’n Schnickschnack?“

Während Kevin zuschaut, wie sich ein Fliegenpärchen auf der Stiefelspitze der Italienkarte unter der nackten Glühbirnensonne vergnügt, bemerkt Konrad, dass hinter ihnen drei Männer aus der Pizzeria stürmen. Zwei Stunden später stehen Kevin und er am Grenzübergang Dreilinden und können es nicht fassen: Grelles Licht, Wachtposten, fünf Euroneten für jeden Berlinbesucher. Männer in seltsamen Uniformen machen strenge Mienen. Sieht es jetzt überall so aus? Oder nur hier, Dreilinden? Wer steckt dahinter? Sind sie belauscht worden? Ist das jetzt „in echt“ oder nur ’ne Ich-AG-Nummer, wie sie sich das geträumt haben? Warum haben sie heute nicht einmal Nachrichten gehört?

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