Berlin : Das geht ganz schön auf die Ohren

Ein Berliner Künstler lädt ab heute zum Soundspaziergang ans Spreeufer. Ein spannendes, aber manchmal bizarres Vergnügen. Ein Selbstversuch.

von
Foto: Björn Kietzmann

Ginge es nach dem Gehör, hätte man jetzt ein Problem. Mitten auf der Straße donnert auf einmal ein Auto über das Kopfsteinpflaster auf einen zu. Doch guckt man sich um, ist weit und breit keines zu sehen. Zu trennen, was über die Kopfhörer zugespielt wird und was wirklich zu hören ist, ist kaum möglich. Auch der schnaufende Atem eines Joggers, der einem plötzlich unangenehm nah im Nacken sitzt, erweist sich erst durch einen Blick über die Schulter als bloßer Sound. Einige Härchen stellen sich dennoch auf.

Georg Klein nennt das „Überlagerung der Wirklichkeit“ – mit einer zweiten, nur hörbaren Realität. Der Berliner Künstler hat in Mitte entlang der Spree den Soundspaziergang „Toposonie Spree“ entwickelt, westlich und östlich des Bahnhofs Friedrichstraße. Ausgestattet mit Smartphone und Kopfhörern können die Spaziergänger abhängig von ihrer aktuellen Position in rund 30 verschiedene Klangcollagen tauchen. Anhand einer App verfolgt man per GPS den momentanen Aufenthaltsort. Die auf der Karte rot markierten Klangcollagen starten automatisch, sobald man sie erreicht. Sie bestehen aus Umgebungsgeräuschen, künstlichen Klängen, fiktiven und dokumentarischen Hörspielen und Medienberichten. Die Eröffnung des Spaziergangs ist am Sonnabend im Rahmen des Festivals für Relevante Musik, das von Freitag bis Sonntag in Mitte stattfindet. Die Klangcollagen bleiben später abrufbar.

Thematisch orientiert sich der Spaziergang an seiner Umgebung: dem Regierungsviertel. Immer wieder kommen Politiker zu Wort, Aktivisten, Lobbyisten – ständig durchbrochen von den Geräuschen der Touristen, Ausflugsboote und Verkehrsteilnehmer. Klein beschäftigt sich mit den Versuchen, sich in der Welt Gehör zu verschaffen. „Am meisten verborgen machen das die Lobbyisten“, sagt er und deutet auf das Haus neben dem Bundespresseamt. „Da sitzen sie.“ Gegenüber arbeiten die Mitarbeiter von Lobbycontrol, Verein für Transparenz und Demokratie, in einem Plattenbau. Auch sie kommen in den Aufnahmen zu Wort.

Vor dem Jakob-Kaiser-Haus befindet man sich plötzlich mitten in einem Lobbyisten-Gespräch, am ARD-Hauptstadtstudio überlagern sich die Melodien der verschiedenen Nachrichtensendungen. Klein macht greifbar, was sich ansonsten nur mit Mühe denken lässt: wie hier Politik und Öffentlichkeit gemacht werden.

Gerade hat der Künstler das Schild zu seinem Soundspaziergang am Spreegeländer gegenüber dem Bundespresseamt montiert. Smartphonebesitzer können hier den Code zur App einscannen. Wegen der irritierenden Wirkung der zweiten, nur hörbaren Schicht, mahnt die Einleitungsrede um extra Vorsicht im Straßenverkehr.

Die Aufnahmen hat Georg Klein vor Ort mit zwei kleinen Mikrofonen gemacht, die in seinen Ohren steckten – damit entsprechen sie einem realen Hörerlebnis. Seit Mai ist Klein mit den Ohrmikrofonen die Spree entlanggelaufen. Der zugehörige Windschutz sieht aus wie zwei riesige Ohrenschützer. „Als ich mit den schwarzen Zotteln hier im Sommer rumgelaufen bin, wurde ich schon schief angeguckt“, sagt Klein. Zufrieden war er immer dann, wenn sich Unvorhergesehenes ereignete. Wie bei der Aufnahme mit dem Schauspieler Oliver Urbanski. Der mimte vor dem Bode-Museum gerade einen linken Aktivisten, als auf der Spree ein Techno-Partyboot vorbeifuhr. Es ist auch in der Aufnahme zu hören.

Am Bundestag erinnert Georg Klein an die Gruppe „Geld oder Leben“, die dort 2007 eine Sitzung störte. Die G-8-Gegner entrollten von der Zuschauertribüne aus ein Banner mit der Aufschrift „Die Wünsche der Wirtschaft sind unantastbar“ und sprangen in den Plenarsaal. Zu hören sind Medienberichte, Erklärungen der Aktivisten, die Reaktionen von Passanten und des damaligen Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse.

Danach herrscht kurz Stille. Ein prüfender Blick ergibt, dass der Straßenmusiker am Eck wirklich da ist und nicht nur auf Band. Franziska Felber

Die Eröffnung ist am Sonnabend, 20. Juli, um 12 Uhr am Platz vor dem Bundespresseamt, Dorotheenstraße 84, Mitte. www.georgklein.de, www.toposonie.info

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