Berlin : Das Inventar des berühmten Kaffeehauses kam am Montag unter den Hammer

Michael Brunner

Alle Plätze sind besetzt. Bis ganz hinten in Reihe 20. Es ist so voll, dass hinter den Sitzreihen ganze Menschenmassen stehen. Getuschel erfüllt den Raum, bis von vorn ein eindringliches Klopfen ertönt: Tock, tock, tock. Auktionator Klaus Kracheel lässt seinen Hammer aufs Rednerpult fallen und neigt den Kopf zum Mikrophon. "Verehrte Damen und Herren, wir wollen anfangen." Montagvormittag im Café Kranzler. Draußen regnet es seit Stunden. Drin hat zwei Minuten nach elf das vorerst letzte Kapitel des berühmten Kaffeehauses am Kurfürstendamm begonnen: Die Versteigerung des Inventars. Da muss es einfach regnen.

Auktionator Kracheel aus Nürnberg hat Mikrowellen in seinem Katalog, zimmergroße Geschirrspülmaschinen, chromblitzende Cafémaschinen, Fritteusen, Würstchendampfer, Kühlschränke und eine wunderschöne alte Waage für Pralinen. Nicht zu reden von riesengroßen Garderobenteilen aus Messing, Deckenleuchtenkonstruktionen im Kinderbettformat, ganzen Stapeln von Tischdecken und Kisten voller Gläser für Likör, Wein und andere gute Sachen. 580 Positionen nennt der Katalog: Nummer eins ist eine Sitzgruppe aus drei Tischen und sechs Lehnstühlen für 200 Mark. Nummer 580 ist ein Orientteppich aus Täbriz, der mal 10 000 Mark gekostet hat. Bis 18 Uhr sollen all die schönen Dinge neue Eigentümer haben. 100 Bieter haben sich angemeldet.

Wer kauft das Frühstücksbuffet?

Wer kauft das Kranzler-Porzellan, die vollelektronische Kasse, die bleiverglaste Tür, den steckerfertigen Tortenkühlschrank und das Schild mit der Aufschrift "Frühstücksbuffet". Da ist Helmut Frindt, Gastronom und Fleischermeister aus Friedenau. "Ich habe da ein paar Aufschnittplatten gesehen, die wirklich schön sind", sagt er. Frindt betreibt das "Lokal Lindenblatt" in der Bornstraße nahe dem Forum Steglitz. Er ist kein Freund überflüssiger Beschränkungen und hat am Morgen 5000 Mark in kleinen Scheinen ins Portemonnaie geschoben.

Ein Mann ganz in Schwarz schaut mit professioneller Wachsamkeit um sich. Es ist Kurt Lutz, der Direktor des Meistersaals in der Köthener Straße. "Will mal sehen, was so da ist", sagt er. Und es ist etwas da für den Direktor. Er kauft für 5000 Mark eine Profi-Spülmaschine, die ein halbes Zimmer füllt. "Das kommt in unseren Abwaschkeller, damit die Putzfrauen nicht mehr so viel Porzellan zerschlagen", sagt Lutz und reibt sich vor Freude über das gute Geschäft die Hände. Der Neupreis hätte um ein Vielfaches höher gelegen. Jetzt muss die Anlage aus Edelstahl nur noch hinüber in die Köthener Straße transportiert werden. Viktor-Alexander von Woesch aus Wilmersdorf geht die Sache ziemlich bedächtig an. Er notiert die Gebote in seinem Katalog: Eine Computerkasse mit Zubehör für 5500 Mark, einen Eiswürfelbereiter mit 50 Liter Fassungsvermögen für 1700 Mark, eine Kuchentheke für 1400 Mark. Herr von Woesch, der in Kreuzberg ein Geschäft für Büroartikel hat, bleibt bescheiden. Er kauft einen ansehnlichen Tisch-Ventilator für 20 Mark.

"Das geht schon ans Herz"

Im Foyer steht Wolfgang Nowak, der Service-Chef des "Kranzler". "Das geht schon ans Herz. Ich habe immerhin 13 Jahre hier gearbeitet", sagt der 49-Jährige und begrüßt ein paar Neuankömmlinge: "Zur Versteigerung? Bitte im ersten Stock." Am 1. April wird Nowak arbeitslos, mit ihm immerhin 60 Kollegen. Das ist für ihn zwar traurig, aber keine Tragödie. "Man hat mir eine neue Stelle angeboten, es ist wieder Gastronomie", sagt Nowak und führt einen Kaufinteressenten in die Küche zu einer fast neuen Espressomaschine. Wolfgang Nowak weiß nicht genau, wie hoch der Gesamtwert des Ausverkaufs ist. Er schätzt, dass "die Sachen neu insgesamt Millionen wert waren".

Im Obergeschoss preist Auktionator Kracheel gerade eine Cappucino-Maschine an. "5000 Mark zum Ersten, zum Zweiten", ruft er und plötzlich fangen die Bieter Feuer. Im Sekundenrhythmus folgt Gebot auf Gebot, der Automat erzielt 7500 Mark. Auch schriftliche Gebote sind eingegangen. Kracheel liest sie vor. Doch der wahre Bieter aus dem Hintergrund arbeitet im Jahr 2000 mit dem Handy. In Reihe vier sitzt ein junger Geschäftsmann, der auf seinem Handy eine Händelmelodie eingestellt hat. Alle zwei Minuten kommt ein Anruf. "Die Sahnkännchen sind aus Metall", sagt er in sein winziges Mobiltelefon. "Schöne Melodie", ruft der Auktionator, als das das Handy wieder losdudelt.

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