Berlin : „Das ist eine absurde Idee“ Geht es nun doch ohne Klinik-Schließung?

Krankenkassen können offenbar mit den Experten-Vorschlägen leben

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Das Virchow-Klinikum in Wedding beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter. Seit 1995 gehört es zur Charité. Ingo Bach sprach mit dem Verwaltungsdirektor der Charité, Bernhard Motzkus, über die Pläne der Expertenkommission, das Weddinger Haus zu einer städtischen Klinik zu machen.

Herr Motzkus, was halten Sie von dem Vorschlag der Expertenkommission ?

Sollte die Expertenkommission das wirklich vorhaben, dann stellt sie sich mit einer solchen absurden Idee selbst ins Abseits. Es gibt hundert Gründe dafür, dass dieses Vorhaben wie eine Seifenblase zerplatzen wird.

Was spricht gegen das Votum der Experten?

Das Virchow-Klinikum ist die modernste Universitätsklinik Europas. 1,5 Milliarden Mark hat man hier bis 1994 verbaut und die gesamte Anlage von Anfang an als ein Universitätsklinikum geplant. Entsprechend aufwendig wurde das Krankenhaus ausgestattet. So wurden unter anderem zusätzlich zu den Bereichen der Patientenversorgung ein Forschungstrakt errichtet sowie verschiedene Lehrgebäude und dezentrale Polikliniken. Wir bieten im Virchow-Klinikum den kompletten Fächerkanon an. Hier befinden sich eine Spitzenklinik für Lebertransplantationen, ein hervorragendes Geschwulstzentrum und eine überregional bedeutende Unfallchirurgie.

Ist das Virchow-Klinikum als städtisches Haus überlebensfähig?

Die Klinik lässt sich als normales Versorgungskrankenhaus gar nicht wirtschaftlich betreiben. Bei einem Versorgungskrankenhaus geht man von einem statistischen Platzbedarf von 50 Quadratmeter pro Krankenbett aus – bei einem Universitätsklinikum kalkuliert man dagegen mit 90 Quadratmetern, so auch im Virchow-Klinikum.

Sehen Sie jetzt die Existenz des Krankenhauses insgesamt als gefährdet an?

Noch nie ist bei den vielen Gutachten im Bereich der Hochschulmedizin ein solches in die Praxis umgesetzt worden. Das wäre bei der jetzigen Expertenkommisson das erste Mal. Bei diesem abwegigen Ergebnis bin ich ganz sicher, das nunmehr die Existenz der Charité insgesamt gesichert ist, da die Kommission treffsicher die teuerste Lösung herausgearbeitet hat.

Das Expertenurteil kommt nicht nur dem Senat entgegen, sondern auch den Krankenkassen –wenn auch nur einen Schritt weit. Denn im Juli hatten die Krankenkassen noch dafür plädiert, die Hochschulmedizin an einem Standort zu konzentrieren. Nach den Vorstellungen der Kassen sollte das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz ganz geschlossen und das Virchow-Klinikum in ein Kiezkrankenhaus umgewandelt werden. Nun soll aber nur ein Standort verschwinden. Zu der Maximalforderung vom Sommer geht so mancher Kassenmanager inzwischen auf Distanz. Der Expertenvorschlag, Abteilungen, die doppelt oder dreifach vorhanden sind, zu schließen, bringe schon einen erheblichen Einsparerfolg, so ein Kassenvertreter. Dazu müsse man gar nicht ganze Kliniken dichtmachen.

Außerdem sei es im Wedding schwieriger, ein Klinikum komplett zu schließen, als es beim Steglitzer Benjamin Franklin der Fall gewesen wäre. Denn im Laufe der Zeit habe das Virchow-Klinikum auch die Kiez-Versorgung der Bevölkerung übernommen. „Wenn man das Klinikum schließt, könnte es in dieser Region zu einer Versorgungslücke kommen“, fürchtet man bei den Kassen.

Im überversorgten Südwesten dagegen sorge das Votum der Experten für zusätzlichen Druck auf die dortigen Hospitäler. Wenn das Benjamin Franklin erhalten bleibe, dann müssten andere Häuser geschlossen werden. Denn um Schließungen kommt Berlin nach Kassensicht nicht herum. Einfach nur überall ein paar Betten abzubauen, löse das Problem nicht. Denn von der Bettenzahl her liege die Hauptstadt im Bundesdurchschnitt. Trotzdem sei die Krankenhausbehandlung zu teuer – 40 Prozent über dem bundesweiten Schnitt, heißt es bei der Berliner AOK. Grund: Das Überangebot gerade in der Hochleistungsmedizin.

Offiziell will sich noch kein Kassenvertreter zu dem Gutachten äußern. Man wartet erst die Veröffentlichung des Expertenvotums am Montag ab. Ingo Bach

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