• „Das ist eine Kampagne“ Wie türkische Blätter über die Islam-Debatte hierzulande berichten

Berlin : „Das ist eine Kampagne“ Wie türkische Blätter über die Islam-Debatte hierzulande berichten

Suzan Gülfirat

Zu Beginn der Woche freuten sie die Blätter noch, weil die Resonanz auf die türkische Friedensdemo in Köln auf deutscher Seite so groß war. Selbst eine Zeitungsschlagzeile wie „Kölle Allah“ beleidigte sie nicht. Das sei ein „historischer Tag“, urteilte die Hürriyet. Aber an jenem Sonntag, als die türkischen Journalisten ihre Berichte schrieben, wussten sie noch nicht, was sie am Montag erwartet. „Focus macht die Türken traurig“, stand auf der Titelseite der Hürriyet am Dienstag. Dazu zeigte die Zeitung das Cover des Nachrichtenmagazins in der vergangenen Woche mit dem Titel „Unheimliche Gäste“, womit das Magazin Muslime in Deutschland meinte. Am Mittwoch nahm die Hürriyet die Focus-Geschichte zum Anlass, um in ihrer Europa-Beilage eine Frage zu stellen: „Was passiert, wenn man alle Türken in ein Topf schmeißt?“ Die Zeitung sah schlimme Zeiten heraufziehen: „Wenn morgen wieder eine Kristallnacht passiert, werden dann die Medien ohne Schuld sein?“

Am Freitag empörte sich die Hürriyet erneut: „Und jetzt auch noch der Stern.“ Dieses Magazin hatte unter der Fragestellung „Sind wir zu tolerant?“ Motive aus dem Alltag in Deutschland gezeigt, zum Beispiel, wie Muslime während des islamischen Opferfestes in einer Schlachterei in Waltrop Schafen ganz legal die Kehle durchschneiden. „Menschen und Rituale sind den Einwohnern fremd geblieben“, stellte dazu der Stern fest. „Wegen der Ereignisse in Holland führen die deutschen Medien zurzeit eine Kampagne gegen die Türken in Deutschland durch“, behauptete die Hürriyet.

Genauso gerieten der Spiegel (wegen seiner Titelgeschichte „Allahs rechtlose Töchter“) und die Welt, die fast täglich die multikulturelle Gesellschaft für tot erkläre, in die Kritik. Innenminister Otto Schily (SPD) zitierte die Hürriyet mit folgender Aussage, weil er auf der Demo in Köln gerne mehr deutsche Fahnen gesehen hätte: „Die Türken sollen sagen, wir sind Deutsche.“

Aber auch ZDF-Moderatorin Maybrit Illner, die am vergangenen Donnerstag eine Diskussions-Sendung mit dem Titel „Europa und die Türkei“ moderierte, blieb nicht verschont. „Die Diskussion, die empört“, urteilte die Tageszeitung Milliyet, die im gleichen Verlag wie die Hürriyet erscheint, am nächsten Tag. Die Gegner der Türkei und der Türken seien viel öfter zu Wort gekommen, meinte Milliyet.

Ausgerechnet in den religiös orientierten Tageszeitungen Türkiye und Zaman fielen die Töne viel sanfter aus. „Stern: Die Türken werden von uns diskriminiert, deshalb integrieren sie sich nicht“, zitierten diese Zeitungen. Allerdings berichten diese beiden Zeitungen grundsätzlich nie kritisch über Muslime in Deutschland. Bestenfalls bringen sie den Aufruf eines Politikers, Deutsch zu lernen.

Hürriyet und Milliyet regen sich dagegen sonst über dieselben Geschichten auf wie jetzt Stern, Spiegel und Focus. Nur eben nicht in der vergangenen Woche.

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