Berlin : Das Kind in der Krippe zeigt uns, was gut in uns ist

Ernst Pulsfort

Terror und Krieg werden spätestens seit dem 11. September 2001 im Namen Gottes geführt und nehmen keine Rücksicht auf heilige Zeiten und Botschaften der Religionen. Weder im Ramadan noch im Advent haben die Gotteskämpfer aller Lager aus Ehrfurcht vor Gott die Waffen niedergelegt; auch an Weihnachten werden sie wohl nicht schweigen. Es scheint so, als ob niemand diese Tage und Feste ernst nimmt oder sie beachtet, und Weihnachten, das für viele Menschen als Fest des Friedens gilt, wird politisch gesehen wohl nichts bewegen. Im Gegenteil, die Vorbereitungen für einen Irak-Krieg laufen auf Hochtouren. So gesehen hätten doch die Muslime auf den Ramadan als Zeit der Buße, des Fastens und der Versöhnung verzichten können.

Christen könnten Weihnachten als das Fest der Menschwerdung Gottes und der Verheißung seines Friedens doch ruhig übergehen. Aber würden tatsächlich die Christmetten und Weihnachtsgottesdienste gestrichen, blieben die Kirchen geschlossen, die Pfarrer würden erklären, Weihnachten zu feiern, sei sinnlos – ich bin mir sicher, es gäbe einen allgemeinen Aufstand. Die Menschen würden so etwas nicht akzeptieren; sie würden ihre Weihnachten selbst organisieren. Sie würden die Lieder von der Heiligen Nacht selbst anstimmen. Sie würden den Lobgesang der Engel anstimmen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen, die guten Willens sind.

Menschen brauchen Weihnachten, weil das Wissen um die Realitäten in dieser Welt sie nicht zufrieden stellt; sie finden sich eben nicht ab mit den Realitäten, die so sind, wie sie sind: mit Terror, Krieg und Grausamkeiten. Wir Menschen leben eben auch von Visionen und Hoffnungen, besonders in Situationen, in denen es kalt und dunkel wird in der Welt. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein… Weihnachten verkörpert eine der großen Visionen der Menschheit, die Vision des Propheten Jesaja von einem universalen und ewigen Frieden, wo der Wolf beim Lamm wohnt und der Panther neben dem Böcklein ruht (Jes 11,6). Aber wenn wir diese Vision in unseren Weihnachtsgottesdiensten besingen und beschwören, wissen wir zugleich: Es gibt niemanden auf der Welt, der mit einem Schlag alles umschalten könnte von Krieg auf Frieden, von Tod auf Leben; nach menschlichem Ermessen wird das niemals gelingen.

In der Bibel, z.B. beim Propheten Jesaja, gibt es realistischere Einschätzungen unserer Welt, wie sie ist: Wie Blinde tappen wir an der Wand; wir sitzen gleich Toten im Finstern. Wir brummen wie Bären und klagen wie Tauben, wartend auf Rettung (Jes 59,10). Das ist unsere Situation nach dem 11. September 2001 und angesichts eines drohenden Irak-Krieges: Der Wolf frisst das Böcklein, und der Panther reißt das Lamm. Wir sind versucht, in dieser Situation nach dem starken Mann zu rufen, nach einem mächtigen Retter. Aber es wird keiner kommen. Nur ein Kind wird uns verheißen als Retter der Welt. Die Engel verkünden es den Hirten von Bethlehem: Heute ist euch der Heiland geboren, Christus, der Herr – ein Retter in Gestalt eines Neugeborenen, so verwundbar und unansehnlich und unbewaffnet wie ein Kind.

Ich bin überzeugt, diese Weihnachtsvision ist weitaus mehr als ein süßliches Wintermärchen. Dieses Kind in der Krippe von Bethlehem enthüllt mir, was mich die ganze Welt, das ganze kriegsführende Heute vergessen lässt. Ein Kind ruft mir die zutiefst vergessene Erfahrung wieder ins Bewusstsein, dass ich kein Mörder bin, dass ich nicht geboren bin, um zu hassen und zu töten. Manchmal ist es doch so, als rede die ganze Welt auf einen ein, das Recht des Stärkeren und Aggressionen seien gut, man müsse immer auf der Hut sein und aufpassen. Ein Kind rettet uns aus diesen Ängsten. Die Vision von der Ankunft des Kindes konfrontiert uns mit allem, was gut ist in uns. Gegen ein Kind schreien wir nicht an, gegen ein Kind rüsten wir uns nicht, wir schlagen es nicht, wir brauchen es nicht zu fürchten. Wir sorgen für dieses Kind, wir liebkosen es, wir beschützen es. Wir handeln und denken, damit es leben und wachsen kann. Ein Kind verlangt von uns, dass wir Frieden schaffen, und es ermöglicht uns zugleich diesen Frieden. Es zwingt uns keinen faulen Frieden auf, den wir im Grunde gar nicht wollen, sondern es weckt in uns den Willen nach einem wirklichen Frieden, ohne den Leben sich nicht entfalten kann.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott ein Kind wird unter uns – „Ehre sei Gott in der Höhe“. Das bedeutet „Ehre sei diesem Kind“ in seiner Hilfsbedürftigkeit und Wehrlosigkeit. Weihnachten ist die Vision gegen das trügerische Vertrauen in unsere eigene Stärke, gegen das Misstrauen und gegen menschliche Ehr- und Ruhmsucht: „Wer von euch der Größte sein will, der mache sich zum Geringsten.“ Und schließlich: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht ins Reich Gottes gelangen.“ Durch unsere Liebe zum Kind werden wir selbst zu Kindern. Weihnachten zu feiern, gibt uns die Möglichkeit, unsere verloren gegangene Unschuld wieder zu finden. Weihnachten kann uns frei machen davon, dass wir uns festnageln auf unsere Feindbilder und Klischees. An Weihnachten kommt ein Retter in die Welt als Kind, das Leben beginnt neu.

Der Autor ist Geistlicher Rektor der Katholischen Akademie in Berlin

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