Berlin : Das Kranzler totgesagt, das KaDeWe beleidigt

Ex-Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer schrieb über Berlins Westen – und zog sich Ärger zu

Christian van Lessen

Eigentlich kann Roswitha Göbel gestern Mittag zufrieden sein. Das Ku’damm- Café mit dem tollen City-Blick auf die Ecke Joachimstaler Straße brummt. „Aber vielleicht wären noch mehr Gäste gekommen“, grübelt die Chefin. In Zeitungen stand, ihr Café sei dicht. „Ich habe mich jedenfalls sehr erschrocken.“

Den Schrecken löste Antje Vollmer aus, die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin der Grünen. In einem Artikel über den vermeintlichen „Absturz“ West-Berlins bedauerte sie unter anderem, dass die alten Cafés des Ku’damms verschwunden sind, „das Kranzler oder Möhring“. Das wurde wiederum von anderen Zeitungen zitiert. Gäste riefen schon an: „Existieren Sie noch?“ Das Personal fing an, um die Arbeitsplätze zu bangen. Das alte Straßencafé Kranzler ist längst Geschichte, das neue – auf die Rotunde beschränkt – seit Jahren im neuen Kranzler-Eck Realität. Roswitha Göbel spricht sogar schon von langfristigen Plänen, das Haus wieder als Straßencafé zu etablieren, die Terrasse zu vergrößern.

Antje Vollmer stellt gestern klar, dass sie natürlich das „alte“ Kranzler gemeint hat. Das direkt an der Straße lag. Dem neuen im Obergeschoss habe sie nicht schaden wollen. Auch dem KaDeWe nicht. Dem hat sie nämlich auch eins ausgewischt. Auf der Rolltreppe dort böten sich heute russische Mädchen an, schrieb sie. Das KaDeWe findet die Behauptung so lächerlich, dass es ausdrücklich auf eine offizielle Reaktion verzichtet. Der Empfangschef am Informationsstand blickt, von Kunden auf die Rolltreppen angesprochen, geradezu versteinert. Verkaufsfrauen in der Kosmetikabteilung, direkt an den Treppen, tippen sich an die Stirn. „Wer schreibt denn so’n Quatsch?“

Antje Vollmer versichert, das mit der Rolltreppe „hat jemand gesehen“. Ob sie es selbst war, bleibt offen. Es sei wie eine Filmszene gewesen, erzählt sie. Aber mehr wolle sie darüber nicht sagen. Dann hat sie in dem Artikel auch den „Straßen um den Kurfürstendamm“ nichts Gutes bescheinigt. Die leerten sich, schreibt sie. Das wiederum ärgert den Einzelhandelsgeschäftsführer Nils Busch-Petersen. Der attraktiver gewordene Kurfürstendamm habe zwar eine Sogwirkung , worunter gerade die Fasanenstraße leide. Aber die zweite Reihe der Parallelstraßen belebe sich. Darüber hinaus putzen sich die Wilmersdorfer und die Schloßstraße in Steglitz heraus. „West-Berlin stürzt nicht ab“, betont der Handelsmann. „Frau Vollmer hat offenbar von Tuten und Blasen keine Ahnung.“

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