Berlin : Das Leben mit Süchtigen macht auch Angehörige krank

Co-Abhängige wie Susanne Juhnke brauchen häufig selbst Hilfe

Claudia Keller

Als sie am Sonntagabend zurückkam, war die Wohnung verwüstet, an einer Wand klebte Blut. Ingrid Braun wusste, dass sie Hilfe braucht. Die Frau war nur übers Wochenende weggefahren, hatte ihrem 20-jährigen Sohn noch einmal vertraut. Aber der war zu diesem Zeitpunkt schon jahrelang rauschgiftsüchtig, hatte seine Freunde eingeladen, in der Wohnung seiner Mutter war es zu einer Messerstecherei gekommen. Ingrid Braun hatte immer wieder gehofft, dass sie ihren Sohn zur Vernunft bringen könnte, dass er irgendwann von den Drogen lassen würde. Aber alles Reden, alle Geduld nutzte nichts. „Das Schlimmste ist die Hilflosigkeit“, sagt sie, „man fühlt sich wie eine Glucke, die Enten ausgebrütet hat und sie aufs Meer hinausschwimmen sieht“.

Bei der Drogenberatung hörte Ingrid Braun zum ersten Mal von dem Phänomen der „Co-Abhängigkeit“. Wie sehr Angehörige unter der Sucht eines Menschen leiden, zeigt die Biografie von Susanne Juhnke. Sie beschreibt, wie die Alkoholsucht ihres Mannes Harald Juhnke über Jahrzehnte ihr Leben dominierte. Susanne Juhnke war „co-abhängig“. Matthias Apel vom Drogenreferat der Gesundheitsverwaltung schätzt, dass es in Berlin bis zu 250000 Alkoholabhängige gibt. Fast immer leiden ihre Familien und Freunde mit.

„Co-abhängig ist man, wenn die Gedanken immer mehr um den Süchtigen kreisen, bis hin zur völligen Selbstaufgabe“, sagt Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel. Er ist Chefarzt der Abteilung für Abhängigkeitskranke am jüdischen Krankenhaus in Wedding. Gleichzeitig wachse das Bedürfnis, den Abhängigen zu kontrollieren bis hin zum völligen Kontrollzwang. „Das, was der Alkohol für den Alkoholiker ist, ist der Alkoholiker für den Co-Abhängigen.“ Ein Teufelskreis. Denn der Co-Abhängige mache die Sucht erst möglich, indem er das häusliche System der Sucht stabilisiere und den Süchtigen vor der Realität abschirme. Ehepartner und Kinder versuchen, die Sucht des Familienmitglieds zu verheimlichen und fügen sich den Stimmungsschwankungen des Abhängigen. Ingrid Braun hat erlebt, wie sich Nachbarn und Freunde zurückziehen und wie die eigene Verzweiflung zunimmt. Dazu kommen Schuldgefühle, das Selbstwertgefühl wird kleiner. „Ich konnte tagelang nicht aufhören zu heulen“, sagt sie, jedes Mal, wenn der Sohn eine Therapie abgebrochen hat, ist für sie eine Welt zusammengebrochen. Am Ende stehe die Depression und psychosomatische Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, beschreibt Salloch-Vogel den Verlauf der Co-Abhängigkeit.

Die Mitarbeiter der Drogenberatung haben Ingrid Braun nahe gelegt, ihren Sohn vor die Tür zu setzen und sich auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren. Zunächst voller Schuldgefühle, dann mit immer mehr Erleichterung hat sie sich von ihrem Kind abgekoppelt. Es sei ein jahrelanger Kampf gewesen. Eine Selbsthilfegruppe habe ihr sehr geholfen, und auch der Beruf. Heute sagt sie: „Die Kinder sind immer noch das Wichtigste in meinem Leben, aber der Raum hat zugenommen, in dem ich etwas für mich tue.“

Die anonymen Alkoholiker haben in Berlin 48 Selbsthilfegruppen für Co-Abhängige. In der Berliner Stadtmission am Lehrter Bahnhof stellen sie sich am kommenden Sonnabend von 11 bis 15 Uhr vor. Infotelefon: 4549 4395.

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