Berlin : Das letzte Wort hat der Regiermeister

Finanzsenator Thilo Sarrazin ist der Mann für die grausamen Wahrheiten zur Finanzlage, doch Klaus Wowereit achtet darauf, dass die Rollenverteilung klar ist

Brigitte Grunert

Die Rollenverteilung ist klar. Thilo Sarrazin denkt, Klaus Wowereit lenkt. Peter Strieder denkt und lenkt mit; er ist ja der SPD-Chef. So einfach ist das – und so kompliziert. Der Regierende Bürgermeister braucht beide, den Finanzsenator und den Stadtentwicklungssenator. Deshalb passt Wowereit auf, dass sie ihm nicht abhanden kommen. Ab und zu sichern sie beim Abendessen den Dreiklang. Manchmal ist auch der vierte im Bunde dabei, Fraktionschef Michael Müller. Er muss die Fraktion bei Laune halten, aber er ist ebenso besonnen wie loyal.

Das Verhältnis zwischen Wowereit und Sarrazin wird als „gut“ oder doch „ganz gut“ beschrieben. Und dann kommt Kritik an Sarrazin. „Wenn er über die Stränge schlägt, gibts eins drauf, das letzte Wort hat der Regierende“, heißt es im Roten Rathaus. Aus der Fraktion hört man es vornehmer: „Wichtige Sachen macht Sarrazin natürlich nicht ohne Wowereit.“

Dem Finanzsenator wird nachgesagt, seine „Eskapaden“ zeugten „nicht gerade von politischer Professionalität“. Dass er im Frühsommer unmittelbar vor der Parlamentsabstimmung über den Landeshaushalt 2002/03 sagte, wie jeder wisse, sei der der Etat nicht verfassungskonform, wird ihm bis heute verübelt. Wowereit pfiff ihn sofort zurück. Auch das Sarrazinsche Wort von den „übelriechenden Beamten“ wird nicht vergessen, obwohl Sarrazin nachschob, er habe nur sagen wollen, das große Engagement bringe die Beamten ins Schwitzen. Dann drang die Giftliste aus seinem Hause über mögliche radikale Ausgabenkürzungen an die Presse. Wowereit erklärte seinem Finanzsenator, er hätte niemandem auf die Nase binden dürfen, dass es überhaupt eine gibt. In Interviews hat der Regierende immer noch mit der Klarstellung zu tun, dass das, was Beamte aufschreiben, keine politischen Entscheidungen des Senats sind. Also, die Öffentlichkeitsarbeit macht Wowereit lieber allein.

Andererseits stößt Sarrazins drastische Sprache, die nicht ohne Humor ist, auf amüsierte Nachsicht. „Die Art, wie er die Dinge herausklotzt, bringt Klarheit, er ist eben ein Typ mit Ecken und Kanten“, weiß Senatssprecher Michael Donnermeyer. „Einen Sparkommissar brauchen wir nicht, der bin ich selber“, meinte Sarrazin neulich, und alles durfte lachen.

Wowereit ist alles in allem froh, dass er ihn hat. Klar, dass beide an einem Strang ziehen. Nur das politische Geschick wird Sarrazin abgesprochen. Doch alle Finanzsenatoren haben sich mit bitter nötigen Ausgabenkürzungen den Vorwurf eingehandelt, sie seien unpolitisch. Annette Fugmann-Heesing wurde dauernd als „buchhalterisch“ abgestempelt.

Anderen Senatoren fällt kein besonderes Verhältnis Wowereits zu Sarrazin und Strieder auf. „Er behandelt alle gleich gut oder schroff“, heißt es bei der PDS. „Das oszilliert zwischen umwerfendem Charme und Eiseskälte“, hört man von der SPD-Seite. Für die SPD-Senatoren schlägt jeden Dienstagmorgen die „härteste Stunde“ bei der Vorbesprechung zur Senatssitzung. Beim unangenehmen Frühstück spießt Wowereit wunde Punkte in Senatsvorlagen auf. Insofern wird auch er kritisiert: „Der baut keine Brücken, seine Stärke ist das Aufspüren von Schwächen, aber das Markieren von Schwächen bedeutet noch keine tragfähige Konstruktion“, sagt ein SPD-Senator.

Gewiss doch, alles stöhnt unter dem Sparkurs. Man könne aus der Stadt nicht noch mehr herauspressen, meldete sich Müller. „Ich fürchte, Thilo legt die Latte so hoch, dass man nur drunter durchgehen kann“, sagt Schulsenator Klaus Böger, aber er weiß: „Die wahre Herausforderung kommt noch bei der Reduzierung staatlicher Aufgaben.“ Strieder wehrt sich mitunter, indem er die Fraktion für sich zu mobilisieren versucht. Eine herbe Auseinandersetzung mit Sarrazin wird ihm in Sachen Anschlussförderung im Sozialen Wohnungsbau nachgesagt. Sarrazin ist das zu teuer, Strieder denkt an die „soziale Stadt“.

Manchmal kokettiert Strieder damit, dass es für ihn auch noch etwas anderes geben könne als die Politik. So entstand das von ihm dementierte Gerücht, er wolle in die Wirtschaft abwandern. Das hätte Wowereit gerade noch gefehlt. Er selbst bedankt sich nämlich für den undankbaren Job des Parteichefs, Müller übrigens auch. Na schön, Wowereit streichelt seinen Mitarchitekten der rot-roten Koalition unmerklich öfter als andere. Er möchte geliebt werden, und damit geizt die Partei traditionell. In allen wichtigen Fragen redet Strieder mit, ob beim Verkauf der Bankgesellschaft oder beim Solidarpakt. So spielen alle ihren Part, und Meinungsverschiedenheiten schlichtet Wowereit auf seine Weise – durch Liebe und Hiebe.

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