Berlin : Das neue Glück im Plattenbau

Berlins Wahlkreise – Folge 8: In Marzahn-Hellersdorf ist die Lage besser als das Image. Die Ersten, die den Bezirk einst verlassen haben, kehren sogar zurück

Stefan Jacobs

Zwei Gefälle prägen Marzahn-Hellersdorf: eines von Nord nach Süd und eins von Süd nach Nord. Ersteres lässt die Wuhle von ihrem Quellgebiet am nordöstlichen Stadtrand zur Spree fließen: durchs Wuhletal, einen zehn Kilometer langen Grünzug mit Spazier- und Radwegen, der den Doppelbezirk durchzieht und dabei den Erholungspark Marzahn mit den exotischen Gärten streift. Zugleich markiert die Wuhle die Grenze zwischen Marzahn im Westen und Hellersdorf im Osten.

Das andere, das Süd-Nord-Gefälle, prägt den Bezirk weitaus stärker. Biesdorf Süd, Mahlsdorf Süd, Kaulsdorf Süd: solide Gartenstädte mit Einfamilienhäusern, die sich Durchschnittsfamilien leisten können. Viele kamen nach der Wende; Grundstücke wurden geteilt, die alten Dörfer zu Vorstädten verdichtet. Geschadet hat das nicht.

„Die sozialen Problemlagen haben wir eher im Norden“, sagt Sozialstadträtin Dagmar Pohle (PDS). Im Norden wurde in die Höhe gebaut: Marzahn, gegründet 1979, ist von elfgeschossigen Plattenbaublocks und doppelt so hohen Solitären geprägt. In Hellersdorf, gegründet 1986, dominieren Fünf- und Sechsgeschosser. Auf einem Drittel der Bezirksfläche leben gut zwei Drittel der fast 250000 Einwohner. Auch jetzt noch, wo jede zweite Kita aufgegeben ist und die demografische Delle gerade die Schulen leert. Die Kinder der 80er Jahre werden erwachsen. Manche wohnen noch bei ihren Eltern, die damals in die Neubauten gezogen sind. Andere sind Unis und Szene in die City gefolgt. Und einige bleiben zurück. Mit 30 Prozent Einwohnern unter 25 Jahren ist Marzahn-Hellersdorf der zweitjüngste Bezirk. Aber nirgends ist die Geburtenrate geringer, und kein anderer Bezirk muss mit so großem Bevölkerungsschwund rechnen: Sieben Prozent sollen es laut Sozialbericht bis 2010 sein, obwohl der dramatische Wegzugstrend der 90er Jahre deutlich gebremst ist.

Diejenigen, die nach der Wende in die Plattenbauten zogen, stammen großenteils aus der früheren Sowjetunion. Der mit drei Prozent stadtweit geringste Ausländeranteil von Marzahn-Hellersdorf ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte sind über 20000 Russlanddeutsche. In der Statistik zählen sie nicht als Ausländer – im wahren Leben schon: Viele Ältere hätten hervorragende sowjetische Berufsabschlüsse, die in Deutschland nicht anerkannt würden, sagt die Sozialstadträtin. Immerhin haben Jobcenter, Volkshochschule, Kirchengemeinde und Bezirksamt vielen Aussiedlern zu brauchbaren Deutschkenntnissen verholfen.

Alles in allem ist die Lage besser als das Image: Im Sozialindex liegt Marzahn-Hellersdorf mit Platz fünf vor Spandau, die Quoten von Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Armen liegen im stadtweiten Durchschnitt, Ende September wird mit dem „Eastgate“ Berlins größtes Einkaufszentrum eröffnet, das Haushaltseinkommen liegt mit 1600 Euro netto im guten Mittelfeld – noch, denn der Anteil der Akademiker sinkt. Dafür kommen Facharbeiter, Vorruheständler und Ungelernte.

Den Menschen bleibt ein relativ großer Teil ihres Geldes zum Leben, weil die Wohnungen preiswert sind. 74 Prozent der Mieter fühlten sich laut Umfragen in ihrer Bleibe wohl, heißt es bei der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn. Mit Projekten wie den „Ahrensfelder Terrassen“ stutzt die Wohnungsbaugesellschaft die halb verwaisten Hochhäuser zu Stadtvillen samt Vorgärten zurecht. Der Umbau lockt sogar einige derer an, die 1990 aus den Plattenbauten ins Grüne zogen. Jetzt kämen die Ersten zurück, weil sie die gute Infrastruktur der Großstadt nicht länger missen wollten, berichtet die Stadträtin. „Es sind noch nicht genug.“ Aber es ist ein Anfang, der noch vor wenigen Jahren undenkbar schien.

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