Berlin : Das neue Schuljahr: Viele Reformen und viel Lehrerfrust

Bildungssenator rechnet mit „Anlaufschwierigkeiten“ bei der Schulbuchbeschaffung – Bußgelder für säumige Eltern

Susanne Vieth-Entus

Ein ehrgeiziges Reformpaket hat Bildungssenator Klaus Böger (SPD) für das am Montag beginnende Schuljahr gepackt. Kaum ein Problem, das er nicht mit zusätzlichen Geldern, Lehrern, freiwilligen Helfern oder gar mit wissenschaftlicher Beratung angehen will. Neue Ganztagsschulen wird es geben, verpflichtende Vergleichsarbeiten, ein Reformprogramm für abschlussgefährdete Jugendliche, mehr Leseförderung, mehr Eigenverantwortung, mehr Ausländerförderung.

Das alles aber startet unter denkbar schlechten Ausgangsbedingungen: Die Stimmung der Lehrerschaft ist infolge der Arbeitszeiterhöhung und der Gehaltseinbußen auf dem Nullpunkt. Viele Eltern ärgern sich darüber, dass sie erstmals in der Berliner Nachkriegsgeschichte für die Schulbücher tief in die Tasche greifen müssen. Und der Anteil von Schülern mit schlechten Deutschkenntnissen steigt weiter an.

Leicht vorstellbar also, dass nicht die neuen Reformanstrengungen Thema in den Schulen sein werden, sondern die verschlechterten Arbeitsbedingungen, wenn die Lehrer am heutigen Freitag allesamt zum achtstündigen „Präsenztag“ zusammenkommen, den Böger erstmals verordnet hat. Wie berichtet, sollen die Kollegien gemeinsam das neue Schuljahr durch Konferenzen oder Fortbildungsveranstaltungen vorbereiten. Allerdings hat die Lehrergewerkschaft GEW für 13.30 Uhr zu einem „Warnstreik“ auf dem Alexanderplatz aufgerufen, und nicht nur Böger fragte sich gestern, ob alle Lehrer nach der Demo den Weg zurück in die Schulen finden, um die acht Stunden voll abzuarbeiten.

Die Lehrer sind aber nicht nur darüber empört, dass sie für die Gehaltseinbußen kaum einen Freizeitausgleich bekommen und deshalb schlechter gestellt sind als alle anderen Berufsgruppen im öffentlichen Dienst. Sie werfen dem Senat auch vor, dass es infolge der gleichbleibend hohen Stundenbelastung kaum Platz für neue Lehrer gibt. Dies bedeutet, dass etliche Kollegien ein weiteres Schuljahr „im alten Saft“ schmoren müssen und nicht einmal ihre frisch ausgebildeten Referendare behalten dürfen.

Außerdem sehen viele Lehrer pessimistisch dem Schulbeginn entgegen, weil noch nicht klar ist, ob alle Schüler ihre neuen Bücher dabei haben werden. Da die Lehrmittelfreiheit relativ kurzfristig abgeschafft wurde, haben die Familien noch keine Routine beim rechtzeitigen Bestellen der Bücher entwickelt. Die Bezirke müssen unter Umständen Bußgeldern verhängen, wenn Eltern zu lange mit dem Bücherkauf warten. Schon hört man auch von Lieferschwierigkeiten der Schulbuchverlage, was zu weiteren Verzögerungen führen könnte.

Zudem konnten etliche Schulen nicht so schnell herausfinden, wie viele ihrer Schüler sozial schwach sind und damit einen Anspruch darauf haben, dass die Bezirke für sie die Bücher kaufen. Für sie müssen die Schulleiter die Bücher bestellen. Auch hier also eine Zitterpartie – wenn auch „kein Chaos“, wie Böger vehement versprach. Er sieht lediglich „Anlaufschwierigkeiten“.

Es gibt allerdings auch gute Nachrichten zum neuen Schuljahr. So steigt seit 1998 erstmals wieder die Zahl der Erstklässler an, weil der Geburtenknick überwunden wurde: Statt 25400 Erstklässler im vergangenen Jahr sind es jetzt 27500, die ihre Schultüte in die Hand nehmen. Auf sie warten immerhin 17 Grundschulen, die erstmals den Ganztagsbetrieb aufnehmen. In diese Projekt fließen 2003 elf Millionen Euro aus dem Investitionsprogramm der Bundesregierung. 2004 kommen weitere 37 Millionen Euro hinzu. Bis 2006 sollen alle Berliner Grundschulen immerhin eine verlässliche Halbtagsbetreuung bis etwa 13.30 Uhr erhalten. Dies sind Aussichten immerhin für teilzeitbeschäftigte Eltern.

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