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Berlin : Das Olympiastadion braucht Sitze und die holt man sich am besten aus anderen Sporthallen

Axel Bahr,Claus Vetter

Das Sitzplatzproblem im Olympiastadion weitet sich aus und droht nach wochenlangem Hin und Her zu einer politischen Farce zu werden. Nach Tagesspiegel-Informationen wird im Senat ernsthaft erwogen, Einzelsitze aus anderen Berliner Großhallen zu demontieren, um den rechtzeitigen Einbau von 36 000 Einzelsitzen bis zum ersten Qualifikationsspiel von Hertha BSC in der Champions League am 11. August zu garantieren. Die Bauverwaltung bestätigte gestern entsprechende Überlegungen. Es werde derzeit an einem sogenannten "Stand-by-Pool" gearbeitet, falls alle anderen Ersatzplanungen sich als unrealistisch erweisen würden. Das würde bedeuten, die Schalen-Einzelsitze im Velodrom oder in der Max-Schmeling-Halle abzuschrauben und für eine Übergangszeit im Olympiastadion anzubringen.

Sehr konkret scheinen diese Planspiele bereits im Fall der ohnehin vom Abriss bedrohten Eishalle an der Jafféstraße zu sein. Dort will man kurzfristig auf 3000 Einzelsitze zurückgreifen. Das Management der in der Halle für gewöhnlich auflaufenden Berlin Capitals bestätigte, dass die Sitzmöbel in einem Akt der Solidarität gegenüber Hertha BSC ausgeliehen werden könnten.

Roger Wittmann, Generalbevollmächtigter der Capitals, wurde persönlich von Hertha-Manager Dieter Hoeneß gefragt und antwortete dem Verzweifelten: "Ja, wir wollen alles dafür tun, dass das Spiel stattfindet." Es handele sich um eine Sache von übergeordneter Bedeutung, auch wenn ein paar Sitze kaputtgehen sollten. Schließlich habe auch der Eishockey-Verein ein Interesse, dass Hertha vor großer Kulisse spielt, und ein partnerschaftliches Verhältnis zum Verein habe man sowieso. Allerdings müßten die 3000 Sitze bis zum 20. August in wieder in der Halle an der Jafféstraße montiert sein. Dann treten die Capitals in einem Freundschaftsspiel gegen Hannover an, und soweit gehe dann die Freundschaft zum Fußballnachbarn nun doch nicht.

In der Bauverwaltung liegen derweil die Nerven blank. Die Ankündigung einer Lieferfirma, der nackten Not gehorchend 3000 Einzelsitze aus dem Stuttgarter Tennisstadion vorübergehend auszuleihen, soll sich als eine weitere Luftbuchung erwiesen haben. Das sei auch der Grund, warum man jetzt an einem Plan für den absoluten Notfall bastele, hieß es. Denn aus den Zusagen der beiden ursprünglichen Lieferfirmen, bis zum 11. August jeweils 18 000 Klapp-Einzelsitzen geliefert und montiert zu haben, hat man mittlerweile auch in der Behörde die Lehren gezogen. Glauben will man offenbar niemanden mehr und setzt lieber auf den eigenen, in der Stadt vorhandenen Fundus an für derartige Sportveranstaltungen geeignten Einzelsitzen aus Plastik. Mehrere tausend sind in der Max-Schmeling-Halle wie im Velodrom verhanden. In der weitaus älteren und mit Abrissplänen behafteten Halle an der Jafféstraße wären der Ein- und Ausbau des Mobilars allerdings unproblematischer, heißt es in der Verwaltung.

Spannender als die Ziehung der Lottozahlen ist derweil der tägliche Zahlenpoker um die Summe der mittlerweile eingebauten Einzeilsitze. Je nach Senatsverwaltung driften die Zahlen auseinander, ohne dass dabei ein politisches Motiv zu erkennen ist. Am Sonntag hieß es aus der Sportverwaltung, es seien 10 000 Einzelsitze im maroden Beton verankert. Dagegen hieß es gestern in der Bauverwaltung, mit dem letzten Hammerschlag am Montag werden es exakt 6000 Sitze sein. Dies würde beuten, dass acht Tage vor Anpfiff noch 30 000 Sitze fehlen. Dennoch bleibt man auf der politischen Ebene siegessicher, das Hertha 11. August vor 50 000 Fans auflaufen kann.

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