Berlin : Das Paradies liegt
in der Einflugschneise

Es gibt Männer, die fotografieren täglich Flugzeuge in Tegel. Ein Hobby, für das sie nun umziehen müssen – nach Schönefeld.

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Als die Boeing 767 der Mongolian Air über den Baumwipfeln erscheint, muss es schnell gehen. Eilig zieht Matthias seinen Fotoapparat heraus, wirft sich Tasche zur Seite und schraubt hastig am Objektiv herum. Das Dröhnen der Turbinen wird lauter. Wie ein Scharfschütze steht der junge Mann jetzt da – mit der Kamera im Anschlag, die Landebahn fest im Visier. Kurz hält er still, dann drückt er ab. Treffer. „Vom Licht her gar nicht mal übel“, fachmännisch begutachtet der technische Meister aus Henningsdorf die Aufnahme, die die Passagiermaschine im Landeanflug zeigt. In seinen dunklen Brillengläsern spiegelt sich das sonnengeflute Feld des Flughafens Tegel. Seit vier Stunden steht Mathias an der Erhebung in der Meteorstraße und fotografiert Flugzeuge. Er ist ein Planespotter – so nennt man die Flughafenfans, die sich mit Kameras auf die Lauer legen, um Fotos von Maschinen aller Art zu machen. Was manch einer für eine absonderliche Freizeitbeschäftigung halten mag, ist für den Technik-Freak pure Entspannung. „Andere Männer spielen mit Eisenbahnen, ich gucke mir eben Flugzeuge an“, sagt er und zündet sich eine Lucky Strike an. Unter ihm rasen die Autos auf der A111. Es gibt idyllischere Plätze in Berlin, um die Märzsonne zu genießen, aber für Mathias gibt es kaum einen besseren Ort. Denn sein Platz liegt direkt in der Einflugschneise und unmittelbar vor dem militärischen Teil des Flughafens Tegel. Wenn Merkel von ihren Staatsreisen zurückkehrt, landet sie hier – und meistens auch auf einem Bild der Hobbyfotografen, die sich hier an fast allen Tagen des Jahres postieren. Wenn der Wind aus der anderen Richtung kommt, stehen sie am Spandauer Forst. Doch nicht mehr lange werden Matthias und die anderen in Tegel fotografieren. Am 2. Juni soll Tegel geschlossen werden und die Spotter-Szene muss zum neuen Flughafen Berlin-Brandenburg nach Schönefeld umziehen. „Das ist doch Mist“, ärgert sich Boris aus Neukölln. „Die nehmen uns unser Wohnzimmer weg.“ Tegel sei als Stadtflughafen etwas Besonderes, und eine Traditionsmarke im Berliner Flughafenbereich. Seit vielen Jahren kommt der 40 Jahre alte Postangestellte mehrmals die Woche nach Tegel, um neue Bilder zu ergattern. „Gerade die Älteren aus der Szene trauern momentan um Tegel“, sagt er. Und nicht nur die. Am Sonntag um 15.30 Uhr soll in der Haupthalle gegen die Schließung des Flughafens in knapp drei Monaten protestiert. Die Demonstration war die erste größere Kundgebung für den Erhalt des Airports. Vor allem Mitarbeiter, die durch das Tegel-Aus ihren Job verlieren, wollten dort auf sich aufmerksam machen. Und vermutlich hat sich unter den Demonstrierenden auch der ein oder andere Spotter befunden. Wie eng die Szene und der Flughafen zusammengewachsen sind, zeigt sich nämlich auf der Flughafenterrasse. Dort können sich Schaulustige normalerweise gegen Eintritt die Starts und Landungen der Passagiermaschinen anschauen. Für die eingefleischte Spotter-Szene hat der Flughafen allerdings eigene Listen eingeführt. Auf die Terrasse kommen sie dann umsonst – man kennt sich eben nach all den Jahren. „Natürlich werden die Spotter von Tegel nun nach Schönefeld umziehen“, weiß Boris B. aus Charlottenburg und spielt am Stativ seiner viele tausend Euro teuren Cannon-Kamera. Bis sich die Szene allerdings eingelebt habe, könne es ein bisschen dauern. Zunächst müsse herausgefunden werden, wo die besten Plätze seien, erzählt er. Auch im Internet werden diese Fragen derzeit eifrig diskutiert. Auf verschieden Seiten und in Foren ist die Community nämlich gut vernetzt. Dort laden die Flugzeugfans ihre Fotos hoch, diskutieren Flugpläne oder geben sich gegenseitig Tipps für das richtige Equipment. Doch was macht die Faszination aus, immer wieder neue Fotos von Flugzeugen zu machen? „Es ist das Technische“, sagt Mathias. Das reizt ihn. Er kennt jeden Flugzeugtyp, die Airlines und die jeweiligen Farbmuster. Besonders die „exotischen Maschinen“ aufs Bild zu bekommen, sei dabei das Spannende. Neulich sei der chinesische Staatspräsident in einer Maschine der Airline Hainan gelandet. Das Foto davon liege jetzt in seinem Album. Er unterbricht das Gespräch, wieder dröhnen Flugzeugmotoren aus der Ferne. Eine 747 ist das, sagt er, das kann er hören. Das Größte für viele Spotter ist, einen „Touchdown“ einzufangen, den Moment, wenn die Flugriesen kurz vor der Landung mit dem Fahrwerk kurz auftippen. Solche Fotos sind äußerst selten. „Touchdowns habe ich einige geknipst“, sagt Bernhard. Der kleine Mann in der blauen Windjacke steht auf dem Parkhaus „Der Clou“ am Kurt-Schumacher-Platz und zeigt stolz seine Fotos. Auch von hier hat man einen guten Blick auf das Flugfeld Tegel. Als Kind sei er einmal auf einem Flug beinahe abgestürzt, seitdem ließen ihn die „fliegenden Vögel“, nicht mehr los. Flugzeuge, erzählt er, hätten etwas mit Sehnsucht zu tun. Langsam wird es dunkel. Boris, Matthias und die anderen wollen bald zusammenpacken. Bald. Noch ist das Licht gut genug. Über den Baumwipfeln ist schon die nächste Maschine zu sehen. Jonas Breng

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