Berlin : Das rote Band der Sympathie

Wer sich auf dem Teppich richtig präsentiert, kann seinen Marktwert steigern

Elisabeth Binder

Auf dem roten Teppich landen die Götter, die vom Himmel gefallen sind. Dort werden Mythen anfassbar, Geschichten gegenwärtig. Auf dem roten Teppich spielen die Filmstars ihre vielleicht schwersten Rollen. Einerseits treten sie auf als sie selbst, andererseits müssen sie in ihrer Aura all die Fantasien mitbringen, die man mit den bereits gespielten Rollen verbindet. Sie müssen gleichzeitig wirkliche Menschen und Zauberwesen sein. Es ist ein Kindertraum, den auch Erwachsene oft unbewusst weiterträumen. Die Leinwand im Kino möge sich öffnen, und die Geschichte einfach herausspazieren, ins eigene Leben dringen, einen mitmachen und selber so cool, so schön, so schlagfertig werden lassen. Gute Geschichten wecken Anteilnahme und Sehnsucht. Ziel der Sehnsucht sind die Stars.

Deshalb hat sich das Schauspiel auf dem roten Teppich immer mehr zu einer eigenen Kunstform gewandelt mit ihren ganz besonderen Härten. Die Zuschauer müssen oft lange ausharren, bis sie ihre Stars von Angesicht zu Angesicht sehen und vielleicht um ein Autogramm bitten können. Das wird wie ein Unterpfand des unsichtbaren Bandes gehandelt, das Zuschauer und Stars verbindet.

Die Stars selber müssen den ganz großen Auftritt auch bei widrigstem Wetter mit unangefochtenem Charme und, wenn sie weiblich sind, oftmals in viel zu dünnen Abendkleidern absolvieren. Götter kennen keinen Schmerz und keine Kälte. Sie sind hoch erhaben und gleichzeitig ganz nah. Die Redcarpet-Show ist nicht nur die Grundlage modernen Startums. Sie ist auch ein wichtiges Marketing-Instrument. Wer sich selbst geschickt in Szene setzen kann, steigert seinen Marktwert. Wer im Berliner Februarnieselregen Träume weckt und das Publikum allein durch huldvolles bis fröhliches Winken bezaubert, wird die Herzen in die nächsten Filme ziehen. Dieter Kosslick hilft den Stars, die er empfängt, noch erhabener dazustehen, indem er selbst in die Rolle des Clowns schlüpft. Der rote Teppich hat bei allem Majestätischem auch etwas mit der Demokratisierung des Glamours zu tun. Die Zahl derer, die hineindürfen und bei den Premieren und Empfängen die gleiche Luft atmen wie die Stars, wird sich immer auf wenige Privilegierte beschränken. Unter denen sind oft Prominente, die kaum je ins Kino gehen und nie davon träumen, Teil einer Kinofantasie zu werden.

Indem ein Teil des Geschehens nach draußen verlagert und für alle zugänglich gemacht wird, kommen bei der Redcarpet-Show diejenigen zusammen, die tatsächlich zusammengehören: die Fans und ihre Idole, die Zuschauer und ihre Helden. Während im Festival-Palast die Technik für einwandfreie Vorführungen warm läuft, entstehen in den Köpfen derer, die am Rande des roten Teppichs ausharren, eigene Filme von ihren Begegnungen mit den Stars. Und wer weiß, vielleicht entwickeln sich solche Filme auch in den Köpfen derer, die da angehimmelt und verehrt werden. Jeder Mensch wünscht sich Zuneigung. Manche brauchen davon mehr als andere. Und für einige Schauspieler ist exakt dieses Bedürfnis die Motivation dafür, all das auf sich zu nehmen, was es braucht, ein Star zu werden.

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