Berlin : Das Stück bin ich

Als Kind musste George Bartenieff Berlin auf der Flucht vor den Nazis verlassen. Jetzt ist er zurück, mit einem Ein-Personen-Stück

Claudia Keller

George Bartenieff musste aus Berlin fliehen. Das war 1939. Sein Vater, ein russischer Tänzer, war Jude. Mit 14 Jahren stand er in New York zum ersten Mal auf der Bühne. Die Schauspielerei wurde zu seiner Leidenschaft, heute führt er in New York ein eigenes Theater. Die Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden interessierte ihn nicht, genauso wenig wie die eigene Familiengeschichte – „mein Vater ist nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekommen, ich glaube, er hat eine Deutsche geheiratet“. Aber dann hat ihm seine Frau Karen Malpede die englische Ausgabe von Victor Klemperers Tagebücher in die Hand gedrückt.

Mit 69 Jahren ist Bartenieff jetzt in seine Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt und hat sein Einmann-Stück „I will bear witness“ mitgebracht. Heute Abend ist er Victor Klemperer – jener Mann, der „in die Hölle ging und wieder zurückkam“, wie es Bartenieff ausdrückt. Er, der noch vor 15 Jahren zu seiner Frau Karen Malpede sagte: „Warum liest du so viel von dem Zeug?“, wenn sie mal wieder ein Buch über den Holocaust kaufte, versetzt sich Abend für Abend in jenen Dresdener Romanistikprofessor und versucht zu ergründen, wie Klemperer seine Menschlichkeit bewahren konnte trotz der Demütigungen durch die Nazis, wie er es schaffte, andere zu trösten, obwohl er wusste dass es sinnlos ist.

Jetzt ist es Nachmittag, und der Theatermacher sitzt in schwarzen Cordhosen und Turnschuhen auf einer Zuschauerbank, lehnt sich zurück und legt lässig seinen Arm über die Lehne. Auf der Bühne vor ihm streicht gerade jemand weiße Farbe auf ein Holztischchen, daneben steht ein Koffer, ein Stuhl und ein Garderobeständer mit einem Mantel und einer Mütze. Diese Utensilien werden später das spärliche Hab und Gut symbolisieren, das Klemperer 1942 geblieben ist.

Der Schauspieler wirkt abgeklärt und reagiert nicht, wie man es erwarten könnte bei jemandem, dessen Verwandte im Konzentrationslager ermordet wurden. „Klemperers Aufzeichnungen sind für mich keine spezielle Holocaust-Literatur“, sagt Bartenieff, „sonst wäre ich wahrscheinlich über die erste Seite nicht hinausgekommen“. Klemperer sei einfach ein „genialer Autor, den man mit Shakespeare vergleichen könnte.“ Bartenieff breitet die Arme aus und schwärmt: „So viel Liebe steckt da drin, so viel Menschlichkeit, so viel Gewalt und Poesie.“ Er und seine Frau Karen Malpede, die das Stück geschrieben hat, bewundern den Dresdener Professor dafür, dass er trotz der Verfolgung durch die Nazis jemand geblieben ist, der sich zu fühlen traute, der der Zerstörung durch die Nazis seine Erinnerung entgegensetzte. Wie bei jeder guten Literatur gehe es um universale Werte, um Liebe und Hass und Gewalt.

Im Februar vergangenen Jahres hatte das Stück in New York Premiere. Seitdem tourt Bartenieff damit die amerikanische Ostküste hoch und runter, mit einem Abstecher zum Holocaust Museum in Washingotn und einem vierwöchigen Gastspiel in London. „Und auf einmal wusste ich: Das Stück muss nach Berlin“, sagt er. Er rief alle Freunde an, die er von früheren Besuchen in Deutschland kennt, bat Hedwig Klemperer um Rat, die zweite Frau des Tagebuchschreibers, und schaffte es schließlich. Aber der Wunsch, nach Berlin zu kommen, rührt nicht etwa daher, dass Bartenieff besonders die Berliner nachdenklich machen will. Nein, er verliebte sich in die Vorstellung, dass es für deutsche Zuschauer doppelt reizvoll sein könnte, ein gutes Stück deutscher Literatur in englischer Sprache auf einer Berliner Bühne zu sehen. Mehr nicht.

Oder doch? Über Diskussionen und Gespräche nach dem Stück würde er sich freuen, so wie in New York nach dem 11. September, als alle merkten, dass sie das Grundsätzliche in dem Stück etwas angeht oder wie in London. Aber will keine Therapie, nicht für sich und nicht für andere.

„Ich habe meine Therapiewochen schon hinter mir“, sagt Bartenieff. „Klemperer war wie ein Schlag in den Körper“, Malpede macht mit der Hand eine Bewegung, als tauche sie in Wasser ab und wieder auf. „George arbeitet sehr viel mit seinem Körper, seine Eltern waren Tänzer.“ Bartenieff beginnt zu singen und sagt: „Oh ja, bei uns zuhause war Tanz ohne Ende.“ Wenn er sich mit einem Thema auseinandersetze, dann tue er das mit dem ganzen Körper. Bei den Proben sei er richtig krank geworden, er habe im Bett weitergeprobt. Nun ist es gut.

Vor einer Woche ist das Künstlerpaar nach Berlin gekommen. Zeit für eine Tour durch die Stadt haben sie sich noch nicht genommen. Klar sei er neugierig, sagt Bartenieff, aber auch nicht neugieriger als auf andere Städte. Erinnern kann er sich an nichts mehr. Und jetzt komme erst mal die Premiere. Ob er nervös sei? „Sie machen Scherze! Es wird jedes Mal noch spannender.“

„I will bear witness“ ist in englischer Sprache zu sehen im Theater Friends of the Italian Opera, Fidicinstr. 40. 28. November bis 22. Dezember, Mittwoch bis Sonntag, 20 Uhr. Karten 14, 50 Euro.

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