Berlin : Das Ticket nach Mallorca kostet Qualen

Prominente outen ihre Flugangst und gehen dabei freiwillig in die Luft

Elisabeth Binder

Champagner hilft manchmal ganz gut gegen Flugangst. Am besten drei Gläser hintereinander, in großen Schlucken genossen. Doch den gibt’s normalerweise leider nur in der ersten Klasse vor dem Start. Es sei denn Prominente mit Flugangst versammeln sich am Gate 1 des Flughafens Tegel, um einer Premiere beizuwohnen. Erstmals sollte jetzt ein Buch über Flugangst während eines leibhaftigen Fluges vorgestellt werden. Ausnahmsweise gab es Champagner für alle schon am Boden – bevor die Air-Berlin-Maschine mit der Flugnummer 1000 abhob. Modeschöpfer Otto Kern, eigens aus Monaco eingeflogen, um an der Präsentation teilzunehmen, kann sich die Flucht in den Alkohol natürlich nicht leisten, weil das seine Kreativität und Geschäftstüchtigkeit am Zielort beeinträchtigen würde. Kleine Flugzeuge machen ihm ohnehin keine Angst, er hat selber mit 18 schon den Pilotenschein gemacht und später auch einen Helikopterschein. Turbulenzen empfindet er wie das Spiel der Wellen auf dem Meer. Nur in großen Flugzeugen wird er manchmal unruhig. „Je mehr ich weiß, was alles passieren kann, desto schlimmer wird es“, verriet er vor dem Abflug. Sein ganz persönliches ultimatives Rezept gegen aufkommende Flugangst: Zeitungslektüre.

Lilian Hagen und Marion Uhrig, die selbst betroffenen Autorinnen des im Verlag Bostelmann & Siebenhaar erschienenen Buches „Flugangst …wenn Promis abheben“, saßen schon früh mit aschfahlen Gesichtern in der der frisch gewarteten Boeing 737. Mit an Bord Charles Wilp, der Künstler mit Weltraumerfahrung, der von Astronauten erzählt, die unter Flugangst leiden. Was der ebenfalls mitfliegende Raumfahrtmediziner Paul Kuklinski bestätigte. Auch in Piloten krieche nach brenzligen Situationen oft die Angst empor. Es gebe Berufsflieger, die das Problem nur durch eine gute Therapie in den Griff bekommen. Flugangst, schreibt er in dem Buch, könne auch Vielflieger aus heiterem Himmel treffen, nach Turbulenzen etwa.

Deshalb steigt Schauspieler Christian Kahrmann nicht mehr in kleine Maschinen ein. Gemeinsam mit seinem Vater, der einen Pilotenschein besitzt, ist er öfter mal in Luftlöcher reingeraten: „Wissen Sie, wie das ist? Als wenn man auf Beton aufschlägt.“ In großen Maschinen hat er eher keine Probleme, es sei denn, er gerät in einen Blizzard und muss auf Neufundland notlanden, wie er es im Buch erzählt.

Warum um alles in der Welt steigen Prominente ins Flugzeug, obwohl sie es gar nicht müssten? „Aus Solidarität mit den Autorinnen“, sagt Schauspielerin Renan Demirkan, die das Projekt „für eine großartige Sache“ hält und hofft, dass sich mehr Geschädigte outen und eine Selbsthilfegruppe gründen. Deshalb hatte auch Autorin Anja Hauptmann das Gefühl, „dass uns die Götter heute hold sind“. Für sie war es ebenfalls „kein Opfer“, mit an Bord zu gehen. Wenn es Gewitter gegeben hätte, wäre sie natürlich nicht mitgeflogen. Bei Turbulenzen und aufkommender Flugangst lenkt sie sich gern mit einem Schminkritual ab. Je mehr es rüttelt, desto schrecklicher sieht das Ergebnis in ihrem Gesicht aus. Im Grunde eine klassische Reaktion, glaubt sie, ein Urinstinkt: „Die alten Griechen zogen auch Masken über, wenn sie in den Krieg zogen.“

So furchtbar martialische Turbulenzen gab es bei der großen Schleife über Rügen nicht, dafür jede Menge Erläuterungen des Piloten Roland Sabatschus. Sowas hilft offenbar. Der ehemalige Fußballtorwart Wolfgang Kleff beschreibt, wie er seinen besten Flug hatte, als er mit im Cockpit sitzen durfte. Sonst befalle ihn jedes Mal eine große Traurigkeit, denn er gehe ja ernsthaft davon aus, dass er abstürzen werde. Das kann natürlich anstrengend werden: Wenn man jedes Mal mit dem Leben abschließen muss, nur weil man eine Woche nach Mallorca will oder geschäftlich in London zu tun hat. Deshalb vielleicht gesteht der Boxer Wladimir Klitschko, seine größte Angst sei die Angst davor, Flugangst zu bekommen. Das ist wohl recht weitsichtig. Flugangst, wie sie hier beschrieben wird, scheint verbreiteter zu sein, als man denkt, wird aber oft schamhaft verschwiegen. Sie nimmt viel Lebensqualität und Urlaubsvorfreude und verwandelt noch den banalsten auswärtigen Geschäftstermin in ein beklemmendes Survival-Training.

Von Hilfsmitteln wie Valium riet die Ärztin und Pilotin Anne Steinbeck-Klose strikt ab. Sie saß ebenso wie der Pfarrer Jörn Thiessen mit in der Boeing. An Hilfs- und Trostpersonal war wirklich nicht gespart worden. Der Genuss von Champagner und anderen Alkoholika steht übrigens als Nummer zehn unter den „Goldenen Regeln gegen Flugangst, die garantiert nicht helfen“. Dagegen spricht, dass auch die eigentlich Geplagten schließlich ganz aufgeräumt wirkten. Lilian Hagen jedenfalls ging während des Fluges schon sichtlich erholt und rosig lächelnd durch den Gang und begrüßte die Gäste.

Was einen vielleicht doch ein klein wenig nervös machen konnte, war der viele Zwischenapplaus für die Ausführungen des Kapitäns. Der mag immerhin als Beweis dafür herhalten, dass die flugangstgeschädigten Prominenten nicht auch noch abergläubisch sind. Sonst hätte sie damit vielleicht wie Pauschaltouristen bis zur Landung gewartet.

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