Berlin : Das Vergnügen unter freiem Himmel lässt vielerorts noch Wünsche offen

Claus-Dieter Steyer

Die Biergartenbetreiber ähneln in diesen Tagen den Landwirten. Alle sind mit dem Wetter nicht ganz zufrieden. Zu warm sagen die einen, zu trocken die anderen. Bei mehr als 27 Grad Celsius kämen tagsüber nur wenige Gäste in die Biergärten, vier oder fünf Grad weniger seien ideal, heisst es. Die werden zwar abends erreicht. Doch offensichtlich reichen vielen Gastwirten diese wenigen Stunden für ihr Geschäft nicht aus. Nach den überwiegend schlechten Ergebnissen des Winters, in dem vielerorts für Ausflügler vorbereitete Aktionen am fehlenden Schnee und ausbleibenden Frost scheiterten, muss das Geld für Kredite in den nächsten Monaten verdient werden.

Bis auf Schloss Diedersdorf südlich Berlins gibt es im Umland ohnehin fast keine ausgesprochenen Biergärten. Meist stellen die Wirte einfache Plastikstühle vor die Tür oder auf die Terrasse. Von einem Garten ist weit und breit nichts zu sehen. Aber ganz so genügsam wie vor über 100 Jahren sind die heutigen Ausflügler nicht mehr. 1891 war im "Berliner Pflaster" folgendes zu lesen: "Der Berliner ist anspruchslos in manchen Dingen; ihm gilt schon als Garten, wofür man anderweit nur die Bezeichnung Wüstenei gebrauchen würde. Wenn er nur an einem Ort sitzt, wo es stark zieht, sagt er schon: Wie wohl ist einem im Freien! Fällt ihm eine Raupe ins Bier, so macht er die Bemerkung: Nun wird es mit Macht Frühling!"

Ausgegraben hat diese vergnüglichen Zeilen der Autor Volker Spiess für seinen kleinen Führer "Biergärten in Berlin und Brandenburg". Immerhin 51 Adressen fand er in der Großstadt, gar 151 in der näheren und ferneren Umgebung. Darin zitiert er auch den Autor Schmidt-Weißenfels, der 1865 schrieb: "Es gibt zweierlei solcher Gärten, solche die Gärten sind, vor den Thoren liegen oder doch Bäume und freie Luft haben, und solche, die im Grunde nur Bastardgärten sind, ursprünglich ganz gemeine Haushöfe, in deren Sandboden man ein paar kleine Kastanienbäume gesteckt hat." Leider trifft diese Kritik noch immer zu. Anders ist das Phänomen vieler leerer Freiluftstühle nicht zu erklären. Sie eignen sich einfach nicht zum Wohlfühlen. Zum Service müssten gerade in diesen Tagen auch Mittel gegen Mücken gehören. Doch in den aufgesuchten Restaurants gab es auf die entsprechende Frage nur ungläubiges Kopfschütteln. Da sind die Kollegen in der Oderregion, wo schon von einer echten Plage gesprochen werden kann, schon weiter: Auf vielen Theken steht "Autan" zur Selbstbedienung.

Bei der insgesamt nicht rosigen Lage der Brandenburger Gastronomie erscheint das überwiegend mit Zurückhaltung angepackte Freiluftgeschäft unverständlich. Gerade an schönen Tagen sollten Hotels, Pensionen und Restaurants mit einer schönen Terrasse oder einem Garten auf "Gästefang" gehen, um die Häuser auch für andere Jahreszeiten zu empfehlen. Schließlich lag die Auslastung der Hotels im Vorjahr bei nur 31,6 Prozent, mindestens 100 kleinere Unternehmen mussten ganz aufgeben. Doch vom Hotel- und Gaststättenverband sind nur Sorgen über den Wegfall der 630-Mark-Jobs und die Konkurrenz durch die Freiluftgastronomie auf Dorffesten zu hören.

Solche Sorgen kennt der Biergarten am Schloss Diedersdorf nicht. Rund 4000 Gäste lassen es sich im Schnitt nach bayerischem Vorbild an einem Wochenendtag gut gehen. Sie schätzen den Flecken nicht nur wegen des Spatenbräus aus der Urheimat des Biergartens. Gelobt werden der freie Blick in die Landschaft, die Beschäftigung der Kinder durch Streichelzoo und Spielschloss sowie die Möglichkeit des Einkaufsbummels.

Dennoch könnte das Geschäft bei drei bis vier Grad weniger Wärme noch besser laufen, meinte der Chef des Ausschanks am Wochenende. Da tauchte es also wieder auf - das offensichtlich nie verstummende Klagen über das jeweilige Wetter. Die Landwirte sind längst nicht mehr die einzigen.Das Buch "Biergärten in Berlin und Brandenburg" von Volker Spiess ist in der Haude & Spenerschen Verlagsbuchhandlung GmbH für 24,80 Mark erschienen, ISBN 3-7759-0421-2.

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