Berlin : Das verlorene Märchen der persischen Prinzessin

Farah Diba-Pahlavi im Tagesspiegel-Gespräch: über Tumulte beim Schah-Besuch, Fundamentalisten und Vorgängerin Soraya

Elisabeth Binder

Berlin im Juni 1967. Der Schah von Persien und seine Frau Farah sind in der Stadt. Bei Demonstrationen dagegen kommt es zu heftigen Tumulten. Bundespräsident Lübke hat das Paar zu einer Aufführung der „Zauberflöte“ in die Deutsche Oper geladen. In der Nähe stirbt der Student Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel.

Erinnert sie sich an diesen Besuch? Farah Diba-Pahlavi ist immer noch eine schöne Frau, groß, mit der berühmten makellos nach hinten gekämmten Frisur. Sie sitzt in der Adlon-Bibliothek, duftet nach einem Parfüm mit ausgeprägter Vanille-Note, trägt zum blauen Hosenanzug an den Ohren Elfenbeinblüten. „Ich erinnere mich nur sehr vage“, sagt sie entschuldigend. „Wir waren damals in so vielen Ländern.“ Deshalb komme dieser Besuch auch in ihrem neuen Buch „Erinnerungen“ nicht vor. Nach dem, was man ihr berichtet hat, waren „viele Demonstranten aus Ostdeutschland dabei“. Aber Ostdeutschland sei eben nicht das Paradies gewesen. Daran musste sie bei einem privaten Besuch vor zwei Jahren denken, als sie erstmals auf die Mauerreste blickte. Wer ihr von dem Toten nahe der Oper erzählt hat, weiß sie nicht mehr. Vielleicht die Botschaft, vielleicht hat sie’s aus der Zeitung erfahren. Allerdings habe es ihr sehr Leid getan, davon zu hören. „Polizisten neigen manchmal zu Überreaktionen, das ist überall so.“ Über manche „Überreaktionen“ des damaligen persischen Geheimdienstes und ihre Interventionen beim Schah dagegen schreibt sie in ihrem neuen Buch. „Aber natürlich waren nicht immer Interventionen möglich“, sagt sie. „Das hing auch von der politischen Lage ab.“ Seit sie ihre Heimat verlassen musste, sind 25 Jahre vergangen. Warum hat sie sich mit den „Erinnerungen“ so viel Zeit gelassen? „Das Leben im Exil war nicht einfach, die Familie hat mich beansprucht und ich brauchte auch Distanz, um das schreiben zu können.“ Manche Bitterkeiten von damals sind inzwischen anscheinend ausgelöscht. „Heute arbeiten wir mit vielen von denen, die damals demonstriert haben, zusammen für ein friedliches und demokratisches Persien“, sagt sie. Es sei ihr über die Jahre immer wieder passiert, dass sich Landsleute irgendwo auf der Welt als frühere Schah-Gegner zu erkennen gegeben hätten, die bekannten, inzwischen auf ihrer Seite zu sein.

Die Gefahr, die von den Fundamentalisten ausging, haben sie damals alle unterschätzt. Zur Zeit des Kalten Krieges waren die Kommunisten die Feindbilder der westlich orientierten Welt. Sicher wusste man, dass die Geistlichen um den Verlust von Macht und Reichtum fürchteten. Aber viele Landsleute hätten erst nach der Flucht des Schahs die Schrecken erkannt, denen sie nun ausgesetzt waren. „Und die restliche Welt hat damals die Augen verschlossen.“ Über ihre Flucht durch Länder, die dem einst mächtigen Schah kein Asyl gewähren wollten, ist ihr kein bitteres Wort zu entlocken. „Politiker müssen die Interessen ihres Landes vertreten“, sagt sie und lächelt wie eine Sphinx. Der Ägypter Sadat, der einzige, der immer zu ihrem Mann gehalten hat, wird als Hüter moralischer Werte in der Politik in ihrem Herzen einen besonderen Platz behalten.

Wo auf der Welt fühlt sie sich heute zu Hause? In Ägypten, Marokko, Jordanien, weil die Kultur ihrer Heimat am nächsten ist. Paris, wo sie als junges Mädchen studierte und den Schah kennen lernte. Und natürlich in den USA, dort lebt ein Teil der Familie. Ihr ältester Sohn Reza arbeitet als Lobbyist in Washington und kämpft für Demokratie im Iran. Sie ist sicher, dass er irgendwann Erfolg haben wird. Die meisten Iraner seien junge Leute unter 30, die sähen, was für Chancen ihre Altersgenossen anderswo haben und die Repressionen nicht mehr ertragen wollten. Sie hofft auf eine friedliche Revolution, antwortet auf E-Mails aus ihrer Heimat und telefoniert mit Landsleuten.

In ihrem Buch lässt sie gelegentlich durchblicken, dass sie durchaus nicht völlig sorglos lebt wie die Märchenbuchprinzessin, die sie einst war, sondern mit Geld bewusst umgeht. „Über uns ist viel Propaganda verbreitet worden“, sagt sie. Vieles sei ja Nationaleigentum gewesen, der Schmuck zum Beispiel. „Unsere Schlösser waren nicht mit den Palästen Europas zu vergleichen. Im Grunde haben wir ein einfaches Leben geführt.“

Hat sie in späteren Jahren jemals Soraya getroffen, ihre Vorgängerin, von der sich der Schah getrennt hat, weil sie keine Kinder bekommen konnte? „Leider hat sich nie die Gelegenheit zu einem persönlichen Treffen ergeben“, sagt sie mit dem Sphinx-Lächeln. „Aber die Kinder hatten Kontakt zu ihr und sie war sehr lieb zu ihnen. Es war uns wichtig, dass da keine schlechten Gefühle herrschten. Schließlich spielt sie eine Rolle in der Geschichte unseres Landes.“

Für sie selbst hat das Jahr 1967 durchaus eine große Rolle gespielt, aber die hatte nichts mit dem Deutschland-Besuch zu tun. Es war das Jahr ihrer Krönung zur Kaiserin, das Jahr, das ihren eigenen Platz in der Geschichte verändert hat. Inzwischen gibt es eine neue Farah, eine Farah, der sie wünscht, dass sie ihre Heimat einmal als demokratisches, friedliches Land erlebt. Am 17. Januar wurde die dritte Enkeltochter geboren.

War die Beziehung zum Schah am Ende nicht überwiegend von Vernunft geprägt? „Es war eine große Liebe, bis zum Schluss“, sagt sie und das Sphinx-Gesicht fällt von ihr ab. Ihre Augen sehen plötzlich sehr braun und warm aus und blitzen. „Er hätte ja eine andere Frau nehmen können, aber er hat mich gewählt.“

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