Berlin : „Dass die Verwaltung Dienstleister ist, haben wir noch nicht gemerkt“

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DAS SAGEN DIE BETROFFENEN

Gehören Sie auch zu den Unternehmern, die Mitschuld daran haben, dass in Berlin Fördermittel nicht abgerufen werden?

Für klassische Mittelständler ist es unmöglich, den Förderdschungel zu durchdringen. Wir haben für eine Innovation rund 5000 Euro über Innotop erhalten, das ist ein Zusammenschluss zwischen Hochschulen und der Technologiestiftung. Darauf gekommen sind wir nur über den Fingerzeig eines Mitarbeiters. Jetzt arbeiten wir mit einer Hochschule zusammen, die für uns elektronische Messungen durchführt. Solche Kooperationen sind sehr wichtig. Erstens haben die Universitäten das Knowhow, Studenten können über Firmenkontakte ihre Diplomarbeiten machen. Da freuen sich Professoren – und der kleine Mittelständler freut sich auch. Zweitens ist die Hochschule auch billiger als andere Dienstleister.

Das Wirtschaftswachstum liegt in Berlin bei minus 0,1. Welche unternehmerischen Anreize muss das Land schaffen?

Förderung hilft nicht, sondern nur ein Mentalitätswechsel: Deutschland als Weltmeister in Urlaubsdauer und Verdiensthöhe ist passé. Diesen Standard können wir nicht mehr halten: Wir müssen Tarifverträge modifizieren. Meine 65 Mitarbeiter verstehen das auch. Wir brauchen eine Öffnung in der Tarifbindung. Die Gewerkschaften ziehen da aber nicht mit. Außerdem sollte der Staat dazu beitragen, die Lohnnebenkosten zu reduzieren. Ich bin im Arbeitgeberverband, aber ich überlege jedes Jahr meinen Austritt. Ich zahle Tariflöhne, nur: Alles, wofür früher der Staat aufgekommen war, schiebt er jetzt auf die Tarifparteien – wie die Rentenfrage.

Finanzsenator Sarrazin erwartet von Ihnen als Mittelständler, dass Sie Arbeitsplätze schaffen. Warum tun Sie das nicht?

Wenn ich einstelle, muss ich schon im Lohn die Abfindung berücksichtigen, sollte ich den Mann wegen der Auftragslage kündigen. Deshalb stellen viele nicht mehr ein.

Und wenn das Arbeitsamt die Hälfte des Gehaltes zahlen würde?

Ein Beispiel: Ich stelle jemanden ein, der der Aufgabe nicht gewachsen ist, ich muss ihn deshalb entlassen – dann zahle ich das ganze Geld ans Arbeitsamt zurück. Schönen Dank auch für diese Förderung.

Würde eine bessere Infrastruktur die Wirtschaft ankurbeln?

Mittelständler brauchen keine Direktflüge in die USA. Wenn wir dahin fliegen, können wir auch umsteigen. Der produzierende Mittelstand ist auf Lkw angewiesen und ein gutes Straßennetz. Die Bahn ist noch zu teuer.

Das Land will die Verwaltungsbürokratie abbauen und dienstleistungsorientierter werden. Das ist doch gut für Sie, oder?

Als die Industrie wegbrach, wollte man aus Berlin eine Dienstleistungsmetropole machen. Ich kann doch die Fenster erst putzen lassen, wenn ich das Geld dafür verdient habe. Dass die Verwaltung Dienstleister ist, haben wir noch nicht gemerkt. Zum Glück brauchen wir keine Baugenehmigungen: Unsere Fabrik steht seit 1945 in Kreuzberg. Die Politik interessiert sich kaum für uns Mittelständler. Wir haben seit 40 Jahren keinen Politiker im Haus gehabt – bis der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit unsere Firma besuchte. Der Kreuzberger Stadtrat für Wirtschaft war auch eingeladen. Aber der hat sich bis heute nicht gemeldet.

Das Gespräch führte Sabine Beikler

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