Dauerregen in Berlin : Versagt die Stadt im Regen-Sommer?

Nach zwei Tagen Regen: Volle Keller, nasse Füße, stadtweite Badewarnung. Der Regen soll nun ein Ende finden - doch die nächsten Wolken sind schon wieder in Sicht.

Gisela Gross, Ulrike von Leszczynski, Stefan Jacobs
Eine Zeitschrift liegt in einer Regenpfütze.
Eine Zeitschrift liegt in einer Regenpfütze.Foto: dpa

Eine Frau, die in einer Regenpfütze im Gully versinkt. Autos, die in Wassermassen untergehen. U-Bahn-Treppen, die an Wasserfälle erinnern. Bilder aus Berlin zeigten dramatische Zustände. Versagt die Stadt im Regen-Sommer? Wem in Berlin der Keller vollgelaufen ist, der betrachtet dicke schwarze Regenwolken inzwischen mit anderen Augen. Schafft das der Gully? In der Uckermark gab es am Mittwoch wieder die höchste Unwetterwarnstufe und Dutzende Feuerwehreinsätze, aber auch Berlin gilt als ist ein besonderes Pflaster. Das hat auch mit der Geschichte der Kanalisation zu tun.

WELCHE STADTTEILE VON BERLIN SIND BESONDERS GEFÄHRDET?

„Wir sitzen auf einer Riesenwasserblase“, sagt Holger Becker vom Verband Deutscher Grundstücksnutzer und meint damit, dass Berlin an einem Urstromtal liegt. Die Siedlungen in diesem Tal haben mit hohem Grundwasser zu kämpfen. Das führt schon ohne Regen zu feuchten Kellern. Bei Starkregen können diese schnell volllaufen. Besonders bedroht sind Mitte, Lichtenberg und Friedrichshain sowie Teile von Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Köpenick im Osten und Südosten der Stadt. Das gilt auch für Spandau, Staaken, Tegel und Heiligensee im Westen und Nordwesten.

WELCHE ROLLE SPIELT DIE ZUNEHMENDE BEBAUUNG BERLINS?

Wenn auf Brachflächen und Wiesen Wohnungen oder Supermärkte entstehen, wirkt sich das bei Regen aus. Denn mit den Bauten wird saugfähiger Boden verdichtet und versiegelt, wie es Fachleute nennen. Beläge wie Asphalt sorgen dafür, dass weniger Regenwasser versickert - es läuft lediglich in die Kanalisation ab. Pro Jahr würden in Berlin schätzungsweise 60 bis 70 Hektar neu versiegelt, sagte die Geschäftsführerin des Berliner Naturschutzbundes (Nabu), Jutta Sandkühler. Das entspricht einer Fläche von etwa 100 Fußballfeldern. Der „Flächenfraß“ müsste eingeschränkt werden, sagt Sandkühler.

„Es muss mehr in die Höhe gebaut werden.“ Das sei eigentlich lange bekannt, werde bislang aber zu wenig gemacht. Künftig sollen Bauherren nach Plänen der rot-rot-grünen Senatskoalition zudem vermehrt zu einem klugen Umgang mit Regenwasser beraten werden. Bei den Wasserbetrieben entsteht voraussichtlich noch in diesem Jahr eine Regenwasseragentur, die zum Beispiel über grüne Dächer und Fassaden sowie spezielle Filter und Speicher im Boden aufklären soll. Für Nabu-Expertin Sandkühler sind solche Elemente nur ein Puzzleteil: Die Funktion eines normalen Bodens könne etwa die Dachbegrünung in keinem Fall erfüllen.

HÄUFEN SICH REGENFÄLLE IN BERLIN?

Normalerweise zögen Tiefdruckgebiete von Westen nach Osten über die Hauptstadtregion hinweg, erläutert Heiko Wiese, Meteorologe an der Freien Universität Berlin. Das Problem in diesem Sommer sei, dass gleich mehrere Tiefs kurz hintereinander über Berlin hängenblieben und sich hier ausregneten. Die enormen Regenfälle Ende Juni werten Meteorologen als Ausnahme. Gewitter- oder Dauerregen aber sind im Sommer nicht extrem ungewöhnlich. Seit 1908 war der Juli in Berlin in sechs Jahren rekordverdächtig nass – zuletzt 2005 und 2011. Normal sind für die Hauptstadt nach Angaben der Wasserbetriebe rund 580 Liter pro Quadratmeter pro Jahr. Im Bezirk Spandau ist dieser Wert jetzt schon erreicht. Und es sind noch fünf Monate bis zum Jahresende …

WIE ALT IST BERLINS KANALISATION, WAS IST DAS GRÖßTE PROBLEM?

Berlin begann bereits in den 1870er Jahren mit dem Bau einer Mischwasserkanalisation, in der Regen- und Abwasser zusammen aufgefangen werden. Damals war das der modernste Stand der Technik und bei den unhaltbaren hygienischen Zuständen in der wachsenden Industriemetropole ein großer Fortschritt. Heute trennt man beim Bau zwischen Regen- und Abwasserkanälen. Das Kanalsystem der Hauptstadt ist rund 9710 Kilometer lang – das entspricht der Strecke von Berlin bis Peking. Fast 2000 Kilometer, vor allem in der Innenstadt, sind noch immer ein Mischwassersystem. Ein großer Nachteil ist, dass es bei heftigem Regen überläuft – und der Dreck in die Gewässer geschwemmt wird.

GILT DAHER EINE BADEWARNUNG?

Ja, und zwar für alle 40 offiziellen Badestellen im gesamten Stadtgebiet. Das teilt das Lageso mit. Grund: „Die Einspülung von Regenwasser und zum Teil ungeklärten Abwässern führt erfahrungsgemäß zu einer erhöhten Belastung mit Krankheitserregern.“

LASSEN SICH ÜBERSCHWEMMUNGEN VERMEIDEN?

Für ungewöhnlich heftige Regenmassen ist das Mischwassersystem auch künftig nicht ausgelegt. „Das lässt sich nicht ändern. Wir müssten sonst jede Straße aufreißen, für das Geld könnte man locker 20 Flughäfen bauen“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Wasserbetriebe. Um das System zu entlasten, will Berlin aber in und außerhalb der Stadtgrenzen bis 2023/24 rund 400 000 Kubikmeter unterirdischen Stauraum für Regenwassermassen schaffen. Im Moment sind es rund 240 000 Kubikmeter. Die neuen Speicher sollen als „Abwasserparkplätze“ Regen auffangen und erst langsam an die Kanalisation abgeben.

GROSSE ÄSTE VON KLITSCHNASSEN BÄUME HÄNGEN AUF DER STRASSE. WIE SCHÜTZT SICH DIE BVG IHRE BUSSE?

Durch den Regen hängen viele Äste mit dem Laub schlapp runter und ragen in die Straße hinein. So kommt es vor, dass Fahrgäste in BVG-Doppeldeckern im Sekundentakt zusammenzucken, weil die Äste lautstark gegen die Frontscheibe im Oberdeck knallen – wie etwa im ländlichen Süden von Spandau (X34 Bhf- Zoo-Kladow). Die Scheiben halten das aus, und Abhilfe ist in Sicht: Die neuen, überholten BVG-Doppeldecker bekommen Astabweiser.

IST DER GROSSE REGEN NUN VORBEI?

Vorerst ja. Es bleibe zwar  durchwachsen mit einzelnen Schauern, hieß es Mittwochabend beim Wetterdienst Meteogroup. Aber große Regenmengen seien für die nächsten Tage nicht zu erwarten. Erst am Sonntag werde es wieder schwülwarm und gewittrig. Dann könnten lokal zwar  zehn bis 20 Liter auf den Quadratmeter prasseln, „aber das trifft nicht jeden“. Und: Es ist wenig im Vergleich zu dem, was in den letzten Tagen herunterkam.

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