Denkmalschutz in Berlin : Pflegefälle

In Zeiten von Immobilienboom und klammen Bezirken gibt es immer mehr Arbeit für immer weniger Denkmalschützer. Die kämpfen mal um jede Fliese, mal lassen sie Investoren überraschend viel durchgehen – warum eigentlich?

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Schutzmann. Der Köpenicker Denkmalschützer Christian Breer frühmorgens vor dem ehemaligen Ausflugslokal „Riviera“. Der Besitzer des Geländes lässt das Haus verfallen – darum übernimmt nun der Bezirk.
Schutzmann. Der Köpenicker Denkmalschützer Christian Breer frühmorgens vor dem ehemaligen Ausflugslokal „Riviera“. Der Besitzer...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn eine Sache seit mehr als zwanzig Jahren schiefläuft, dann könnte man meinen, es käme auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht mehr an. Stimmt aber nicht. Wenn eine deutsche Behörde zum Außeneinsatz anrückt,dann tut sie das auf die Minute genau. Und so steht Christian Breer, Leiter der Denkmalschutzbehörde im Bezirk Treptow-Köpenick, an einem Donnerstagmorgen in Grünau an einem Bauzaun und wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Hinter dem Zaun die ehemaligen Ausflugslokale Gesellschaftshaus und Riviera am Ufer der Dahme, nach vielen Jahren des Verfalls: durchaus Ruinencharme. Es ist kurz vor halb acht, als ein Kollege von Breer mit einem Schlüssel an ihm vorbeiläuft: schon mal aufmachen, Bauzaun zur Seite, man hat schließlich noch weitere Termine. Halt, ruft Breer, wir warten bis halb acht, vielleicht kommt der Besitzer ja noch.

Fünf Minuten später ist es halb acht. Wir warten jetzt bis viertel vor acht, akademisches Viertel, sagt dann Breer, auf dem Kopf ein weißer Bauhelm, in der Hand die zusammengerollte Akte. 15 Minuten später ist es viertel vor acht, niemand ist gekommen. Ich rufe jetzt im Büro an, sagt Breer, die im Büro schicken dann ein Fax an den Anwalt des Eigentümers. Und wenn die Eingangsbestätigung durch ist, dann bekommt Breer einen Rückruf aus dem Büro. Weil der Eigentümer seine denkmalgeschützten Häuser verfallen lässt, darf dann der Mann mit dem Schlüssel übernehmen, um dies zu verhindern. Fünf Minuten vor halb acht wäre es wohl noch Hausfriedensbruch gewesen. Jetzt ist es eine Amtshandlung. Bauzaun zur Seite, rauf aufs Gelände, hinterher die Arbeiter mit den Baugerüsten.

„Sicherungsanordnung und Ersatzvornahme“ heißt das Thema des Morgengrauens. Die Sprache der Bürokraten, passt eigentlich nicht zu einem Mann wie Breer. Ihm kann man dreihundert Jahre alte Türklinken aus dem Köpenicker Rathaus in die Hand drücken, und er erklärt dann begeistert, welche davon einst in welche Amtsstube führte. Weil er es weiß als studierter Kunsthistoriker, weil er es erkennt, keine große Sache für einen Denkmalschützer.

Breer ist seit 21 Jahren im Geschäft, aber dass er dem Eigentümer mit einem Bautrupp zu Leibe rückt, das hat er auch noch nicht so häufig gemacht. Im Waffenarsenal des Denkmalschutzes ist das hier der Revolver auf der Brust: Weil du nichts machst, machen wir jetzt was. Viel mehr Steigerungspotenzial bleibt danach nicht mehr. Vielleicht noch entsichern und abdrücken: den Besitzer enteignen. Aber Breer kann sich nicht erinnern, dass jemals in Berlin ein Besitzer wegen Verstößen gegen den Denkmalschutz enteignet wurde. Und überhaupt: Schon jetzt hat er sich ziemlich weit nach vorne gewagt. Sicherungsanordnungen und Ersatzvornahmen sind ziemlich selten in der Stadt, sagt er. Und so viele Freunde macht man sich damit auch nicht.

Echt alt. Für Denkmalschützer ist es eine Herausforderung, Original-Baumaterialien wie diese bei Sanierungen angemessen zu ersetzen.
Echt alt. Für Denkmalschützer ist es eine Herausforderung, Original-Baumaterialien wie diese bei Sanierungen angemessen zu...Foto: Mike Wolff

Kein Wunder, schließlich ist Berlin voll mit Denkmälern – und gelten Denkmalschutzbehörden in Investoren- und Eigentümerkreisen oft als Verhinderungsbehörden. Rund 8000 Positionen stehen auf der Liste beim Landesdenkmalamt, der übergeordneten Behörde. Die tatsächliche Zahl jedoch ist viel höher. So gilt beispielsweise die komplette Köpenicker Altstadt als nur eine Position, ist aber voller Denkmäler. Knapp 900 Positionen zählt das Landesdenkmalamt für Breers Bezirk, tatsächlich entspricht das rund 4500 Denkmälern. Braucht man die wirklich alle? Die ganzen Statuen, Grünanlagen, alten Ausflugslokale und natürlich auch Wohnhäuser. Berlin wächst, braucht dringend Wohnraum. An der Stelle geraten immer stärker auch denkmalgeschützte Gebäude ins Blickfeld. Wo sollen die neuen Berliner wohnen? Wieso baut man nicht einfach die unter Denkmalschutz stehenden Häuser aus? Oder lässt sie so weit verfallen, dass man sie abreißen darf, weil eine Sanierung nicht mehr zumutbar wäre – und errichtet an der Stelle Neubauten?

Wenn die Eigentümer abtauchen, wird es für die Schützer kompliziert

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach alten Immobilien immer weiter gestiegen. Damit steigt die Arbeitsbelastung in den Denkmalschutzbehörden. Gleichzeitig wurde dort in den vergangenen Jahren massiv Personal abgebaut, in Extremfällen um bis zu 50 Prozent, schätzen Experten. Irgendwo zwischen Pleitestadt und Investorentraum sitzen die Denkmalschützer und sollen – so die Arbeitsbeschreibung laut Gesetzestext – die Denkmäler schützen, aber auch dafür sorgen, dass sie erhalten bleiben. Das eine muss mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun haben. Vielleicht widerspricht es sich manchmal sogar. Denn was sich auf Dauer nicht rechnet, bleibt – wie beispielsweise die Deutschlandhalle – nur selten auf Dauer erhalten. Irgendwann rollen die Bagger. Was wird dann aus den Menschen, die in den Denkmälern wohnen? Verliert die Stadt ihr Gesicht, wie die warnen, die alles bewahren wollen, von Gaslaternen bis Tempelhofer Feld? Und überhaupt: Wie will man hier eigentlich künftig wohnen?

Zurück in Grünau, mit Breer auf dem Riviera-Gelände. Ein gelber Klinkerbau, 1890 gebaut, ein altes Hotel mit Festsälen, einst eine große Nummer für das Viertel. Nach der Wende an die Treuhand, die letzten legalen Tänze dürften knapp 25 Jahre her sein. Das bedeutet nicht, dass hier seitdem keiner mehr tanzt. Konfetti-Schnipsel unter Breers Schuhen, ein Graffiti an der Freitreppe: „Wenn wir nur einen kleinen Teil von uns ausleben können – was passiert dann mit dem Rest?“ Schwärmerische Nachtschwärmer. Hippies unter sich, illegale Partys in den Sommermonaten, die Anwohner kennen das. Die Polizei auch.

Aussicht oben. An der Frankfurter Allee in Friedrichshain setzt ein Investor Penthäuser auf das Dach eines denkmalgeschützten Stalinbaus.
Aussicht oben. An der Frankfurter Allee in Friedrichshain setzt ein Investor Penthäuser auf das Dach eines denkmalgeschützten...Foto: Mike Wolff

In den Katakomben unter dem Festsaal ein großes Hakenkreuz an der Wand. Angerostete Konserven, die Türen aufgebrochen. Wohnt da jemand? Kann schon sein, sagt Breer, mal lieber nicht weiter gehen. Vor gut zwei Monaten war die Behörde das erste Mal auf dem Gelände. Vorangegangen war ein Streit mit dem Investor, der mal ein Kongress-Hotel bauen wollte, mal ein Seniorenheim, und mal Wohnungen. Breer hätte durchaus mit sich reden lassen, sagt er heute, aber vor allem die alten Festsäle hätten in jedem Fall erhalten werden müssen. Stattdessen passierte nichts, nur das Gebäude verfiel immer weiter.

In der Zwischenzeit machten die Anwohner Druck, das findet Breer ganz gut, und das kann man auch gerne schreiben, sagt er. Nun hat Breers Behörde die ersten Aufträge an Handwerker erteilt, die haben angefangen, Dachrinnen zu ersetzen, ein Gutachten für die Statik des Daches wurde beauftragt, Bäume sollen gefällt werden. Die Rechnung dafür geht an den Eigentümer, sechsstellige Beträge werden in den nächsten Wochen entstehen. Der Bezirk geht in Vorleistung, bekäme das Geld dann gerne erstattet. Das ist die eine Seite: Geld. Das sie eigentlich nicht haben. Die andere Seite ist, dass Breer und seine zwei Leute in der Behörde viel zu viel Zeit in dieses Haus investieren müssen. Vor-Ort-Termine, Schlichtungstermine mit dem Eigentümer, der Papierkram, der jedes Mal neu entsteht, bevor der Bezirk überhaupt Leute auf das Gelände schicken darf. Zeit, die ihnen woanders fehlt. Längst schon sei man am Rand der Belastungsgrenze, sagt Breer. Rund 750 Vorgänge hätte seine Behörde jedes Jahr zu bearbeiten. Das entspricht schätzungsweise rund 4000 Terminen, sagt er. Für drei Leute. Die auch mal Urlaub haben, vielleicht mal krank sind, womöglich sogar auf Fortbildung. Wenn man ihn fragt, ob das überhaupt funktionieren kann, dann lacht er. Was soll er auch sagen.

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