• Der 27-jährige Ronny sitzt wegen Anstiftung zum Mord in der Haftanstalt Tegel: Nach sechs Haftjahren gibt er sich geläutert und arbeitet für eine Gefangenenzeitung

Berlin : Der 27-jährige Ronny sitzt wegen Anstiftung zum Mord in der Haftanstalt Tegel: Nach sechs Haftjahren gibt er sich geläutert und arbeitet für eine Gefangenenzeitung

Thomas Loy

Das Büro ist von Regalen und Kartons eingekreist. Die irgendwo ausrangierten Schreibtische stehen auf kurzen Stelzen, unter den monströs-modernen PC-Monitoren ächzend. Der Fußboden, kahl und glatt, zeigt weiße Wundmale. Ronny mit seinem Jungengesicht, dem langen Zopf aus dünnen blonden Haaren, passt in diese Kulisse. Er könnte Chef einer Umweltorganisation sein, der genial-versessene Programmierer seiner eigenen Garagenfirma oder der hypersensible Langzeitstudent, der im fünften Jahr an seiner Diplomarbeit schreibt.

Langzeitstudent kommt den Tatsachen schon recht nah. Ronny ist "LLer", das steht für lebenslänglich. Sein Schuldspruch lautete: Anstiftung zum Mord. Das war vor sechs Jahren. Jetzt sitzt der 27-jährige aus dem gutbürgerlichen Frohnau in einem umgebauten Zellentrakt der Justizvollzugsanstalt Tegel, seinem Arbeitsplatz. Ronny-Chris Speckens ist Redakteur des Gefangenenmagazins "lichtblick". Er ist kommunikativ, intelligent, wie für diesen Posten geschaffen. Auch in seiner eigenen Sache hat er sich zum Reden entschlossen. Schließlich sei er unschuldig, zumindest juristisch.

Früher schwieg er lieber, vertraute darauf, dass Richter nicht beweisen könnten, was nicht gewesen ist. Ein fataler Irrtum. Gerechtigkeit, Recht, Schuld und Strafe - über moralphilosophische Kategorien hat Ronny viel nachgedacht in den letzten Jahren. Moralisch trage er die Verantwortung für die beiden Menschen, die ihr Leben verloren haben, sagt er heute. Er hatte sie animiert, miteinzusteigen ins große Geschäft. Ronny hat Charisma, kann Leute um den Verstand reden. Er glaubt immer an einen guten Ausgang, auch jetzt noch. "Positive thinking" nennt er es.

"Egal, was ich mache, ich versuche, das Beste herauszuholen." Auch die eineinhalb Jahre Einzelhaft in Moabit, die totale Isolation für Täter aus der Organisierten Kriminalität, münzt Ronny im Nachhinein zu seinen Gunsten um: "Da hatte ich zumindest nichts mit den Halbaffen zu tun, die da sonst noch rumlaufen." Der Richter allerdings habe seine unbeugsame Moral, seine Weigerung, Namen zu nennen, als strafverschärfend eingestuft.

Ronnys Leben zerfällt in zwei gegensätzliche Blöcke: die Zeit vor dem 16. Juni 1993, ein Mittwoch, und die Zeit danach. Ronny genoss das Leben eines weltgewandten, Geld verteilenden Hasardeurs. Das "große Geschäft" - in Kurzform: Geldwäsche mittels Diamantenhandel plus spekulative Finanztransaktionen - lief hervorragend. Als besondere Form der Kundenbetreuung half er auch manchmal im Drogenhandel aus und lagerte Kilopakete Kokain bei Freunden ein. Geschäftsbedingt war Ronny viel auf Reisen. 600 000 Flugkilometer hatte er mit seinem Vielfliegerticket in der ersten Jahreshälfte 1993 zurückgelegt. Im Juni stand wieder ein dreimonatiger Trip zu Bekannten nach Übersee auf dem Plan. Vor längeren Auslandsaufenthalten pflegte Ronny die Drogendepots aus Sicherheitsgründen zu räumen. Da er sich gerade die Hand verletzt hatte, ließ er sich von Stefan J., einem Freund aus der Grundschule, zu den Verstecken chauffieren. Alles ging glatt. Nur Michael M., bei dem 6 Kilo weißes Gold lagerten, war nicht zu Hause. Ronny geriet in Zeitnot. Er entschied, den Flug einen Tag zu verschieben, erreichte Michael M. endlich telefonisch und machte mit ihm einen Termin für den nächsten Abend aus. Doch zu einem Treffen kam es nicht mehr. Stefan J. hatte Michael M. inzwischen in dessen Wohnung erdrosselt und das Kokain beiseite geschafft. Der Verdacht fiel sofort auf Ronny. Als er schon in Untersuchungshaft saß, offenbarte sich Stefan J. als Täter, fügte aber hinzu, er sei von Ronny angestiftet worden. Eine klare Falschaussage, um sich Straferleichterung zu verschaffen, versichert Ronny.

Der Richter dachte anders darüber. Stefan J. bekam sechs Jahre im offenen Vollzug und wurde vorzeitig entlassen. Ronny, als sein Strippenzieher und Chef einer mafiamäßig organisierten Bande, musste sich dagegen auf mindestens 15 Jahre in Moabit und Tegel einrichten. Heute würde Ronny gerne mit Stefan J. über die Sache reden, aber dazu ist es zu spät. Stefan J. hat sich nach seiner Haft das Leben genommen. Einen Abschiedsbrief gab es nicht. Nur die Aussagen von Mitgefangenen, dass er über etwas nicht hinweggekommen sei.

Ronny hätte einen tiefen Hass entwickeln können, auf Stefan, seinen Richter, auf Menschen und Umstände, die ihm sein luxuriöses Leben verpfuscht haben. Doch das wäre zu einfach. Wut habe sich in den ersten Jahren zwar schon aufgestaut, gibt er zu, aber parallel dazu lief ein Prozess ab, den Psychologen als erfolgreiche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bejubeln würden. Ohne die Verurteilung hätte er weiter gemacht, glaubt Ronny - wäre immer tiefer in Kreise hineingerutscht, wo Menschen für ein paar Kilo Stoff ermordet werden. Vielleicht hätte er irgendwann selbst das Töten gelernt.

"Es war gut, dass ich ins Gefängnis kam." Seit einigen Jahren arbeitet Ronnys Anwalt an einer Wiederaufnahme des Prozesses. Seit dem Freitod des Stefan J. sind die Chancen jedoch erheblich gesunken. Die Richter fordern eine umfassende Aussage und wollen auch die Namen der beteiligten Freunde und "Geschäftspartner" erfahren. Dann sei auch ein Freispruch drin. Doch Ronny will niemanden verpfeifen - das sei eine "Charakterfrage". So wird er wohl noch weitere neun Jahre absitzen müssen.

Diesem Umstand sieht er gelassen entgegen. Als lichtblick-Redakteur genießt Ronny im Gefängnisalltag viele Privilegien: gleitende Arbeitszeit, relativ gute Bezahlung, Bewegungsfreiheit auf dem gesamten Haftgelände und eine gewisse Unabhängigkeit von der Anstaltsleitung. Ronny ist inzwischen zum technischen Experten in Computerfragen avanciert. Wenn in der Hausdruckerei mal wieder alles zum Stehen kommt, ruft die Leitung schon mal im lichtblick-Büro an und bittet um Aushilfe.

Ronny wohnt im Haus 5, im Jargon der Haftanstalt "Luxushotel" genannt, ein moderner Bau mit Neun-Quadratmeter-Zellen und längeren Frei-Zeiten auf den Fluren oder im Hof. Ständig steht Ronny bei der Gefängnisleitung auf der Matte, beantragt Sondergenehmigungen, etwa für einen Verstärker und eine E-Gitarre. Das Instrument hat er sich selbst im Knast beigebracht. In Absprache mit seinem Sozialarbeiter entschied er sich für einen Karriereweg, der seinen Kenntnissen auf dem Terrain der Finanzwirtschaft keine weitere Entfaltungsmöglichkeit lässt: Toningenieur. Vielleicht werde er als erster "LLer" an einer Präsenz-Universität studieren können, hofft Ronny. Bisher ist ein Studium nur an der Fern-Uni Hagen möglich. Ronny genießt einen erheblichen Vertrauensvorschuss und wundert sich, dass die Dinge im Knast so günstig für ihn laufen. Sein Sozialpädagoge hatte darauf eine plausible Antwort: Schauen Sie doch in Ihre Akte.

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