Berlin : Der Berg ruft

Der Kick am Fels: Immer mehr Berliner wollen hoch hinaus in den Kletterhallen der Stadt

Christoph Stollowsky
On the rocks. Klettertraining am Magic Mountain in Wedding. Hier seilt sich das Trio gerade ab, die Füße gegen die Wand gestemmt, den Oberkörper über dem Abgrund, von Partnern am Boden gesichert. Die künstlichen Felsen sind bis zu 15 Meter hoch und ermöglichen Touren mit leichten und schweren Anforderungen. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas
On the rocks. Klettertraining am Magic Mountain in Wedding. Hier seilt sich das Trio gerade ab, die Füße gegen die Wand gestemmt,...

Darauf kommt es jetzt an. „Fest auf den Füßen stehen. Konzentration auf den Fels und den nächsten Haltegriff – und alles andere rundherum vergessen!“ So hat uns Trainer Sebastian eingestimmt. Jeder Zug hinauf an dieser senkrechten Kletterwand, an die wir uns anschmiegen, zwölf Meter über dem Boden, ist eine neue kleine Herausforderung. Also, nach vorne schauen, Tritte suchen und Halterungen zum Hochziehen. Die Balance bewahren, Ganzkörpereinsatz. Tief unten sichern uns zwei Trainer mit Halteseilen. Die sind an unsere Sicherungsgurte geknotet und verlaufen über eine Umlenkrolle am Felsgipfel zu den Männern am Boden. Anderen im Team absolut vertrauen. Auch darum geht es beim Klettern. Wer abrutscht, baumelt am Seil, wird behutsam herabgelassen.

Felsenklettern in Berlins City auf den „Magic Mountains“ in der Nähe des S-Bahnhofs Gesundbrunnen. „Der Berg ruft“ wie der österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros singt – auch in Wedding. Draußen ist es schon dunkel und eiskalt. Zwischen dem Humboldthain und der 15 Meter hohen Kletterhalle, die 2002 extra dafür gebaut wurde, rumpelt die Ringbahn vorüber. Durch die großflächige Verglasung sind schon pastellgelbe und rötliche Kunstfelsen zu sehen mit Bergsteigern, die sie von allen Seiten erklimmen – als hätte man ein Stück des Elbsandsteingebirges in den Wedding verfrachtet. Drinnen, an der Bar, gibt es Basecamp-Drinks und die Ausrüstung zum Ausleihen: Kletterschuhe, Gurte. Das Abenteuer beginnt. Der Reporter und Tochter Lena (11) wollen hoch hinauf. Auf leichten bis mittelschweren Kletterpfaden. Und mit dem ersten Tritt ist der Alltag gleich weit weg.

Wer sich ganz oben über den Gipfelrand zieht, ist ein bisschen desillusioniert: Man blickt in einen riesigen Hohlraum. Mit Holz beplankte Stahlgerüste halten die Felsen im Inneren. Das Holz ist mit eingefärbtem Spritzbeton beschichtet, so entsteht die zerklüftete Wand. Daran sind vielerlei Griffe und Tritte mit unterschiedlichen Farben befestigt. Je nachdem, welcher Farbe man folgt, führt der Weg über leichtere oder schwierigere Routen, Überhänge und komplizierte Kanten inbegriffen.

Möglich sind an diesem Berliner Gebirge drei verschiedene Kletterarten: Das „Toprope“-Klettern, bei dem man angeseilt von einem Partner am Boden gesichert wird. Zweitens das „Vorstiegsklettern“ ohne Partner, wie es die Bergsteiger draußen an hohen Wänden praktizieren. Sie sichern sich selbst mit einem nachgezogenen Seil. Das wird fortlaufend in Karabiner eingehakt, die im Fels eingelassen sind. Und schließlich das „Bouldern“. Ein Spaß an niedrigeren Felsen in Absprunghöhe, mit einer dicken Matte am Boden. Ganz ohne Sicherungsseile.

Zwei große Kletterhallen mit diesen Varianten gibt es in Berlin – neben den Magic Mountains noch „Die Kletterhalle“ an der Thiemannstraße in Neukölln. Beide wurden nach dem Jahr 2000 von passionierten Bergsteigern eröffnet, die in Berlin für ihre Szene endlich Trainingsmöglichkeiten schaffen wollten. Doch seither hat sich deren Leidenschaft zum Trendsport entwickelt. „Es kommen immer mehr Frauen, Familien und auch ältere Menschen“, sagt der Neuköllner Betreiber Udo Batz. Berufstätige können werktags bis Mitternacht die Neuköllner und Weddinger Gipfel stürmen, Kurse werden angeboten, Schnupperklettern, Kindergeburtstage. An der Thiemannstraße steht sogar ein „Strukturfelsen“ mit scheinbar natürlichen Ritzen und Vorsprüngen ohne Tritte und Griffe. Darauf kann man wie im echten Gestein klettern.

Wie gefährlich ist das Vergnügen? Schwere Unfälle habe es bislang nicht gegeben, sagen beide Betreiber. Sicherheit gilt als oberstes Gebot. Spontan darf man deshalb nur Bouldern, ansonsten muss selbst auf den leichtesten Routen anfangs ein Trainer dabei sein. Zum Beispiel Sebastian Kühle (24), der uns beim Abseilen herablässt, während wir die Füße gegen den Fels stemmen und mit dem Rücken überm Abgrund pendeln.

Sebastian studiert Ingenieurtechnik, jobbt an den Magic Mountains mit seiner Trainerlizenz und genießt selbst immer wieder den Kletter-Kick. „Das ist besser als McFit und ein gutes Alltagstraining“, sagt er. „Du steckst dir kleine Ziele und erreichst sie. Auch wenn du das nicht für möglich hältst.“

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