Berlin : Der Boxer und die Berge

Mehr als ein Champion: Muhammad Ali wurde geehrt und besuchte danach seine Tochter im Ring

Sven Goldmann

Der Champion malt Berge. Große Berge mit zackigen Gipfeln. Das wissen vermutlich nur wenige der 500 geladenen Gäste, als Muhammad Ali am Samstag um 19.28 Uhr den Großen Ballsaal des Hyatt-Hotels am Potsdamer Platz betritt. Der frühere Box-Weltmeister aller Klassen wird an diesem Abend von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille ausgezeichnet. Geehrt wird er für sein lebenslanges Engagement in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und seinen Einsatz als UN-Botschafter.

Muhammad Ali ist 63 Jahre alt. Man nennt ihn The Greatest, den Größten. Seit 1984 leidet er am Parkinson-Syndrom, einer langsam fortschreitenden neurologischen Erkrankung des Gehirns. Parkinson-Patienten haben Mühe, das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu halten. Muhammad Ali hat ein Mittel dagegen gefunden. Er malt.

Jocelyn B. Smith betritt die Bühne. Ihre Mutter kommt aus Alis Heimatstadt Louisville, Kentucky. Sie singt ein schönes, langsames Lied. Ali zieht einen Kugelschreiber aus der Tasche seiner Smoking-Jacke. Behutsam breitet er die Serviette vor sich aus und greift nach der Karte mit dem Menü des Abends. Serviette und Speisekarte werden ihm an diesem Abend als Leinwand dienen.

Klaus Wowereit hält die Begrüßungsrede. Ali greift nach der Speisekarte und prüft mit dem Daumen den Falz, gewissenhaft zieht er alle Kanten nach. Er arbeitet konzentriert und lässt sich von Wowereit nicht ablenken. Nur wenn der Redner seinen Namen nennt, hebt Ali den Blick, dann wendet er sich wieder der Speisekarte zu. Sorgfältig teilt er sie in der Mitte und legt sie hinter die Serviette. Dann beginnt er zu malen, große Dreiecke, auf die gesamte Breite des Leinentuchs verteilt. Eine Berglandschaft mit spitzen Gipfeln. Zwei Berge schraffiert er mit dem Kugelschreiber, bei vier weiteren begnügt er sich mit den Konturen.

Der Regierende Bürgermeister kann ein mitreißender Redner sein. An diesem Abend liest er die in Archiven gehüteten Belanglosigkeiten über Ali vom Blatt ab. Den Namen des Ehrengastes spricht er typisch deutsch aus, mit Betonung auf der jeweils ersten Silbe. Als Wowereit zum Tisch zurückkehrt, blickt Ali hinüber und schüttelt ihm die Hand. Dann malt er weiter. Das Hors d’œuvre wird serviert, Seeteufel auf Aubergine. Nach einer Viertelstunde geht es unangerührt zurück in die Küche und mit ihm die Serviette, die Berglandschaft mit den spitzen Gipfeln.

Dann unterbricht Ali das Zeichnen, Autogrammsammler stehen Schlange. Jan-Philipp Reemtsma geht auf die Bühne und hält die Laudatio. Der intellektuelle Mäzen hat ein Buch über Ali geschrieben, es heißt „Mehr als ein Champion“. Reemtsma spricht gutes Englisch, aber Ali malt wieder, diesmal auf der Speisekarte. Wieder Berge, bis zum bewegendsten Augenblick des Abends. Reemtsma spricht von Alis großen Gegnern, von Sonny Liston, Joe Frazier und George Foreman, und jetzt legt der Champion den Stift zur Seite und fasst sich ans Herz. Dann hebt er die Fäuste. Zehn, zwanzig Sekunden lang. Für einen Augenblick sind die großen alten Zeiten wieder da.

Nach Reemtsma darf Klaus Wowereit noch einmal nach vorn, er überreicht die goldene Friedensmedaille an Ali und führt ihn zurück von der Bühne an seinen Platz. Alis Ehefrau Lonnie hält die Dankesrede. Muhammad Ali redet schon seit langem nicht mehr bei öffentlichen Anlässen. Parkinson schädigt auch die sprachliche Motorik. Je nach Krankheitsverlauf kann schon das Schlucken zu einer Qual werden.

Wenig später verlässt der Regierende Bürgermeister die Veranstaltung, ein anderer nimmt seinen Platz am Tisch der Ehrengäste ein. Zum Hauptgang, geschmorte Ochsenbrust mit Trüffel, gibt es eine neue Serviette. Ali malt seine dritte Berglandschaft. Mehrere Gäste sind auf das Kunstwerk aufmerksam geworden und drapieren sich unauffällig um den Tisch. Ein Bodyguard nimmt die Serviette an sich, als Muhammad Ali um kurz vor halb elf den Saal verlässt. Er fährt in die Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg, wo seine Tochter Laila in den Boxring steigt.

10 000 Zuschauer warten dort schon auf den Ehrengast. Lailas Kampf gegen die Schwedin Asa Sandell darf erst beginnen, wenn ihr Vater da ist. Laila hat Kraft und Mut, aber nicht das boxerische Talent ihres Vaters. Das Publikum ist unzufrieden, als der Kampf in der fünften Runde zu ihren Gunsten abgebrochen wird. Die Pfiffe schlagen in Beifall um, als Muhammad Ali, gestützt auf zwei Helfer, hinaufklettert zu den Ringseilen. Laila herzt und küsst ihren Vater.

Zehn Minuten später beginnt der Hauptkampf. Der 2,13-Meter-Riese Nikolaj Walujew besiegt den Titelverteidiger John Ruiz und wird an diesem Abend der längste Weltmeister aller Zeiten. Der Größte hat die Halle lange vor dem Kampf verlassen. Es war ein anstrengender Tag für Muhammad Ali.

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