Berlin : Der Bundestag sucht den Schlüssel zum Schloss

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Von Holger Wild

Soll auf dem Berliner Schlossplatz ein Gebäude mit der Barock-Fassade des ehemaligen Stadtschlosses errichtet werden? Oder sollen „Alternativen zu einer Rekonstruktion der Fassade nicht ausgeschlossen“ werden? Darüber wird heute der Bundestag entscheiden. Die Bundesregierung stellte sich schon gestern hinter die Ergebnisse der Internationalen Expertenkommission zum Schlossplatz, die dort ein Gebäude in den Abmessungen des früheren Berliner Stadtschlosses vorschlägt.

Gegen 16.45 Uhr wird Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) das Ergebnis der ntlichen Abstimmung bekannt geben. Der Fraktionszwang ist aufgehoben; die Abgeordneten sollen unabhängig von ihrem politischen Lager darüber entscheiden, ob die Volksvertretung „die Wiedererrichtung der barocken Fassaden der Nord-, West- und Südseite sowie des Schlüterhofes des ehemaligen Stadtschlosses“ wünscht. So hatte es die Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ im April mit knapper Mehrheit empfohlen. Sollte sich der Bundestag ebenfalls dafür aussprechen, so wäre dies rechtlich zwar nicht bindend, politisch aber „kaum noch zu revidieren“, wie der Berliner SPD-Abgeordnete Eckhardt Barthel sagt.

Den Abgeordneten liegen zwei Entschließungsanträge vor: ein gemeinsamer der Fraktionen SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP sowie einer der PDS, der jedoch keine Mehrheit finden dürfte. In dem gemeinsamen Antrag würdigt auch der Bundestag zunächst die Arbeit der Expertenkommission. Diese hatte sich bekanntlich dafür ausgesprochen, auf dem Platz die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Sammlung der Humboldt-Universität und die Berliner Zentralbibliothek anzusiedeln. Zur Finanzierung denkt das Parlament an eine Mischkalkulation aus privaten und öffentlichen Mitteln. Außerdem soll mit breiter Mehrheit beschlossen werden, dass der Neubau auf dem Schlossplatz sich an den Abmessungen des ehemaligen Stadtschlosses orientieren soll.

Diese Empfehlungen der Kommission hat sich am Mittwoch auch das Bundeskabinett zu eigen gemacht. Es beschloss, unter Federführung von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die die Grundlagen für einen Realisierungswettbewerb für das Gebäude erarbeiten soll: also den genauen Flächenbedarf festlegen; einen Zeitplan bestimmen und – vor allem – ein Finanzierungsmodell entwickeln. An der Arbeitsgruppe werden die Ressorts Bauen, Finanzen und Kultur von Bund und Berlin beteiligt sein, hinzugezogen werden auch der Preußische Kulturbesitz und die anderen Nutzer. Die Arbeitsgruppe soll sich noch vor den Wahlen konstituieren.

Zur Fassaden-Frage nahm die Bundesregierung am Mittwoch keine Stellung. Hier liegen den Parlamentariern zwei alternative Formulierungen vor. Die eine begründet die gewünschte Rekonstruktion der Barockfassade mit einer „Vergegenwärtigung von Geschichte im historischen Zentrum von Berlin“, die nicht nur die architektonische Brücke zur Bebauung der unmittelbaren Umgebung schlagen würde. Außerdem würde sie die Einwerbung privaten Kapitals deutlich leichter machen als eine zeitgenössische Planung. Dieses Argument wird von Bundestagspräsident Thierse vertreten und dürfte auch zahlreiche Koalitionsabgeordnete veranlassen, für die Fassade zu stimmen. Die Fraktionen von CDU/CSU und FDP sind nach Aussage des kulturpolitischen Sprechers der Unionsfraktion, Norbert Lammert, ohnehin „fast geschlossen“ für die Barockfassade.

Eckhardt Barthel von der SPD wendet dagegen ein: „Dieser Platz bedeutet die Mitte der Republik. Dessen Gestaltung sollte man doch nicht von der Menge an Spendengeldern abhängig machen!“ Barthel will vielmehr einen Architektenwettbewerb, in dem „Alternativen zur einer Rekonstruktion der barocken Fassade nicht ausgeschlossen“ werden dürften. Wie auch die Bundesarchitektenkammer fordert Barthel „Ideenfreiheit“ für den Schlossplatz; erst am Ende des Prozesses soll zwischen historischer und moderner Architektur entschieden werden. Jedoch fürchtet auch er, dass diese Position im Bundestag die geringeren Chancen haben dürfte.

Im Vorfeld der Entscheidung warnte die Akademie der Künste vor der „Fiktion“, die die Barockfassade bedeuten würde. Berlins CDU-Chef Christoph Stölzl plädierte dagegen für die Rekonstruktion.

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