Berlin : Der Dauerläufer

16 Jahre lang hat Eberhard Diepgen als Bürgermeister Berlin regiert – länger als jeder andere. Heute wird er 65 Jahre alt

Werner van Bebber

Ein bisschen feiern wird er. Aber wie Eberhard Diepgen so ist: Er übertreibt nicht gern. Deshalb sagt er über seinen 65. Geburtstag an diesem Montag nur, er werde ihn „im erweiterten Familienkreis“ begehen. Von Lust auf Ruhestand ist nichts zu spüren, dafür ist der Mann auch noch zu fit, der mit dem Slogan „Diepgen rennt“ 1999 die SPD in Grund und Boden wahlkämpfte. Heute ist der Mann, der West-Berlin von 1984 bis 1989 regierte und Gesamt-Berlin von 1990 bis 2001, sein eigener Chef als Anwalt. Er hat ein Büro in einer Kanzlei am Kurfürstendamm, die er mal selbst gegründet hat. Er reist durch die Gegend und hält Vorträge. Er ist Ehrenvorsitzender der Berliner CDU und äußert sich immer wieder deutlich zur Berliner Politik.

Wobei Diepgen, als er noch Regierender war, immer vermittelte, dass für ihn die Pflicht und die Befriedigung durch den Beruf nicht zu trennen sind. Anders als der Regierende Sonnenkönig Klaus Wowereit wirkte Diepgen immer preußisch-zurückgenommen, die personifizierte Disziplin. Sehr berlinisch in seiner Genügsamkeit, der ganze Mann, der zwar nicht berlinert, aber „ebend“ sagt statt „eben“. Dass Pflicht und Pflichtgefühl für Diepgen besonders starke Antriebskräfte sind, dürfte ihn vielen Berlinern sympathisch gemacht haben. Wie es heute viele gibt, die die ostentative Lebensfreude seines Nachfolgers animierend finden, gewann Diepgen die Leute durch unspektakuläre Zuverlässigkeit.

Ganz am Anfang seiner politischen Karriere war Diepgen allerdings durchaus ein Ideologe – einer, der das Konservative gegen die 68er setzte und der mit allem Linkssein Grundsympathien für die DDR verband. Damit konnte dieser Sohn der geteilten Stadt überhaupt nichts anfangen. Wer in Pankow geboren ist und in Wedding aufwächst – in „wenig privilegierten Verhältnissen“, wie das Munzinger-Archiv berichtet, wer die Teilung jeden Tag vor Augen hatte, der spürte in den 60ern nicht unbedingt denselben revolutionären Drang wie zugereiste Soziologiestudenten aus süddeutschen Pfarrhäusern. Schon gar nicht, wenn er wusste, dass die Freie Universität, wo die Linke ihn als ASTA-Vorsitzenden vertrieb, in Dahlem gegründet worden war, weil es in Ost-Berlin keine Freiheit der Wissenschaft gab.

„Betonriege“ wurden Diepgen und seine politischen Mitstreiter vom Ring Christlich Demokratischer Studenten bald genannt – ein immerhin originellerer Begriff als Seilschaft. Vielleicht auch ein besserer: Seilschaften kommen expeditionsbezogen zusammen. Die Betonriege mit Diepgen, seinem langjährigen wichtigsten Verbündeten Klaus Landowsky und einigen anderen Größen der West-Berliner Politik hielt von Mitte der 60er bis 2001. Bis zu Diepgens zweitem, dem endgültigen Sturz. Denn schon 1989 hatte Diepgen, Nachfolger Richard von Weizsäckers im Amt, eine schmerzhafte Niederlage hinnehmen müssen. Der sogenannte Antes-Skandal von 1986 mit dubiosen Parteispenden hatte Diepgen spät und unverhofft eingeholt. Statt seiner wurde Walter Momper, der Mann mit dem roten Schal, mit Rot-Grün Regierender Bürgermeister und durfte den Mauerfall erleben. Das schmerzte.

Soll man den Landespolitiker Diepgen, der nie Lust zu haben schien, Minister in Bonn zu werden, wegen dieser großen Spanne politischen Wirkens mit Helmut Kohl vergleichen, den er nicht mag? Besser nicht, schon gar nicht zum Geburtstag. Diepgen hat seinem Buch „Zwischen den Mächten“ einen Gedanken seines Lieblingsdenkers Balthasar Gracian vorangestellt: „Nie von sich reden. Entweder man lobt sich, welches Eitelkeit, oder man tadelt sich, welches Kleinheit ist.“ Das sagt fast alles über den Abstand zwischen ihm und Kohl.

Diepgen hat als West-Berliner Regierender den Wandel durch Annäherung vorangetrieben und dabei weder Konflikte mit den in der Mauerstadt allmächtigen West-Alliierten noch der Bundesregierung gescheut. Er hat als Gesamt-Berliner Regierender den Aufbau Ost dem Ausbau West vorgezogen. Er hat durchgesetzt, dass die Ost-Berliner im öffentlichen Dienst genauso bezahlt werden wie die West-Berliner – wofür Berlin aus der Tarifgemeinschaft der Bundesländer flog. Er hat eine ziemlich große Verwaltungsbezirksreform gesamtberlinisch durchgesetzt. Er hat sich von Kohl und Bundesfinanzminister Theo Waigel die Berlinförderung abrupt kürzen lassen müssen und dies akzeptiert, um den Parlaments- und Regierungsumzug nicht zu gefährden – was der Auslöser für Berlins gigantische Verschuldung war. Und dann endete das, was eine ziemliche politische Leistung darstellte, in einem Skandal. Diepgens Sturz 2001 leiteten die Parteispenden an seinen politischen Bruder Landowsky und der Bankenskandal ein.

Das bewegt ihn noch heute, auch wenn er nicht darüber spricht. Er hofft, dass die Stadt aus der Affäre finanziell viel besser herauskommt, als alle Kritiker meinen – wenn die Bankgesellschaft denn mal verkauft ist. Das Thema ist – auch weil es so eng mit seinem Ruf, seinem Namen verbunden ist – noch längst nicht erledigt. Er hofft, in dieser Hinsicht einiges gerade rücken zu können. So gesehen, hat Diepgen durchaus noch kräftigen politischen Ehrgeiz.

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