Berlin : Der Duft der Männer

Urlaub im Tiergarten: Grillen mit Familie. Sie kommen regelmäßig, sie kennen sich. Und niemand regt sich auf

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Es scheint alles wie immer. Der August hängt über der Stadt, den Sommerschlussverkauf haben wir erlebt, es gibt Streit um die Ausschankzeiten von Straßencafés. Wie jedes Jahr. Nur das Wetter spielt ein bisschen verrückt mit Regen, der täglich angekündigt wird und nicht immer eintrifft.

Aber was ist mit dem „Grillen im Tiergarten“? Das war doch immer ein Thema im Sommer, das Geschrei über Rauchschwaden, Fleischdünste, Müllberge. Selbst aus der CDU, bislang stets Vorhut gegen wildes Kohleverglühen, ist nichts zu hören. Was ist da los? Wird etwa nicht mehr gegrillt?

Aber wie. Kaum tritt man in den Baumschatten der Tiergarten-Nordseite, schon umfängt einen der Duft. Brennendes Holz, würziges Fleisch. Dann sieht man sie auch: die tragbaren Dreibein-Grills, vor denen in dickem Qualm ein Mannsbild steht und fächelt, wedelt und bläst.

Beladen mit Decken, Speisen und Spielgerät, treffen immer noch weitere Gruppen ein. Bauen ihren Grill auf und lagern sich in sicherem Abstand davon: fern vom Rauch. Viele haben ihre Wasserpfeife mitgebracht, Teekannen köcheln auf den Grillgittern. Bassam Hajjo, ein Libanese, kommt ungefähr einmal im Monat auf die Wiese gegenüber der Kongresshalle. Mit seiner Familie, mit Freunden. Während sein Sohn Spießchen auf den Rost legt, sitzt Hajjo auf einer Bank im Schatten und spielt mit einem Enkel. Er kennt viele seiner Grillnachbarn auf der Wiese. Ein Schwätzchen hier, eins dort.

Aus Rekordern tönt Musik, kleine Kinder tollen herum, Bälle und Frisbees fliegen. Man sitzt unter Bäumen im Schatten, auf Klappstühlen um Klapptische, meist sind es türkische oder arabische Großfamilien. Aber auch Deutsch ist zu hören, ebenso Russisch, und dort auf dem Grünstreifen, der aufs Schloss Bellevue zuläuft, hat sich ein Trüppchen Polinnen niedergelassen – und grillt ganz ohne Mann. Eine Seltenheit. Woher einer auch stammt: Grillen scheint fast überall Männersache zu sein. Sie entfachen das Feuer, sie bewachen das Grillgut, die Spieße von Zwiebeln, Peperoni, Paprika oder Tomate, die Fleischteile, Hühnerschlegel, Würste oder Hackröllchen.

Und um manchen Ascherest vergangener Tage – liegt Müll verstreut. Die Schwaden, der Dreck: alles wie immer. Aber keiner regt sich auf. Sollte die Stadt denn gelassener geworden sein? Ein Sommerrätsel. how

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