Berlin : Der Fall der Fälle

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Die Kundgebung für die Erhaltung des Theaters am Kurfürstendamm und der Komödie fand im Beisein Klaus Wowereits, des Regierenden Bürgermeisters, statt. In diesem Satz steckt eine Apposition, ein Beisatz, eine Beifügung. Hier wird beigefügt, dass Wowereit Regierungschef ist. Man könnte auch sagen: … im Beisein von Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister … Die Amtsbezeichnung bezieht sich auf den Namen, und in der Regel steht die Apposition im selben Fall wie das Bezugswort.

Doch las ich in einem Antrag der FDP-Fraktion: „Der Aufsichtsrat der FBS mit dem Regierenden Bürgermeister als Aufsichtsratsvorsitzenden...“. Nun ja, „als Aufsichtsratsvorsitzendem“ spricht sich schwer, aber das ist kein Grund, ihm den Dativ zu rauben. Der Zungenbrecher lässt sich vermeiden, indem man dem Vorsitzenden den Artikel gönnt: … als dem Aufsichtsratsvorsitzenden. Der Akkusativ ist hingegen nötig, falls man Wowereit als (den) Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafen Berlin-Schönefeld GmbH (FBS) lobt oder kritisiert.

Nachdem Franz Müntefering seinen Stuhl als SPD-Bundesvorsitzender der SPD geräumt hatte, schrieb der Berliner Landesvorsitzende Michael Müller: „Mit der Nominierung von Matthias Platzeck als neuen Vorsitzenden haben Präsidium und Parteivorstand schnell die richtigen Weichen gestellt.“ Das mag sein, nur grammatisch sind auch in dieser Formulierung die Weichen falsch gestellt. Wieder hat sich der falsche Akkusativ eingeschlichen. Korrekt wäre: Mit Matthias Platzeck als neuem Vorsitzendem oder dem neuen Vorsitzenden …

Keine Regel ohne Ausnahme. Mit Friedbert Pflüger, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverteidigungsminister, hat die Berliner CDU nach langer Suche ihren Spitzenkandidaten für die Wahl 2006 gefunden. In dieser Konstruktion hat die Apposition keinen Artikel und steht daher im Nominativ. Ebenso korrekt wäre: Mit Friedbert Pflüger, dem parlamentarischen Staatssekretär … Bevor sich die CDU für Pflüger entschieden hat, las ich in der Zeitung in Anspielung auf die ebenfalls schwierige Suche nach dem Spitzenkandidaten 2001: „Eine weitere Peinlichkeit der Berliner CDU wie der Umgang mit Wolfgang Schäuble als potentiellen Spitzenkandidaten will die Parteiführung auf jeden Fall vermeiden.“ Ach herrje, da haben wir es gleich mit zwei Beifügungen im falschen Fall zu tun. Wen oder was wollte man vermeiden? Eine weitere Peinlichkeit wie den Umgang mit Schäuble. Mit wem? Mit Schäuble als potentiellem (dem potentiellen) Spitzenkandidaten.

Ach, es ist nicht leicht mit der Grammatik. Wer hätte sich nicht schon gesagt: Mir armem Tropf bleibt aber auch keine Hürde erspart.

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