Berlin : Der Fall Landowsky: Die Zwei

Brigitte Grunert

Als Eberhard Diepgen im November seinen 59. Geburtstag feierte, gratulierte Klaus Landowsky besonders warmherzig mit kostbaren Geschenken: eine aquarellierte Grafik und ein Orginal der Jubiläumsfestschrift des Kammergerichts von 1913. Diepgen und Landowsky sind Jugendfreunde seit Studententagen an der FU, und Jugendfreundschaften sind die vertrautesten. Gemeinsam zogen sie nach dem Jura-Examen aus, zuerst die CDU, dann die Stadt zu erobern. Seit beinahe vierzig Jahren hat diese persönliche und politische Freundschaft gehalten. Müssen sie nun auch das Schicksal teilen, als Zwillinge von der politischen Bühne abzutreten? Das mögen sie sich früher einmal so gedacht haben, aber unverhofft kommt oft.

In den letzten Jahren wurde öfter geraunt, die Beziehung sei nicht mehr so eng wie früher. Doch was heißt unterschiedliche Meinungen in dieser oder jener Angelegenheit? Das Zusammenspiel mit verteilten Rollen funktionierte beispiellos zwischen Diepgen, dem Bedächtigen, dem pflichttreuen Regierenden Bürgermeister "für alle", wie Landowsky oft sagte, und eben Landowsky, dem Emotionalen, dem Listenreichen, dem sprühenden Rhetoriker. Notfalls gab Landowsky auch Diepgens Mann fürs Grobe. So hielten sie die Koalition beisammen und die SPD an der kurzen Leine, Diepgen, der Umgängliche, und Landowsky, der seine Wadenbeißer losschickte. Sie mussten sich nicht alle Tage sehen, um Absprachen zu treffen.

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Der Zusammenhalt funktionierte auch deshalb, weil Landowsky nie selbst Regierender Bürgermeister werden wollte. Er hielt sich ja einen. Diepgen mag das unangenehm bewusst gewesen sein. Dann kehrte er den Regierungschef heraus. Landowsky nannte es Introvertiertheit. Doch Landowsky ging es immer um die Machtsicherung Diepgens und damit der CDU in der Stadt. Dabei kokettierte er gekonnt mit seiner beruflichen Unabhängigkeit. Scheinbar generös verzichtet er auf seine Diäten als Abgeordneter und bezahlt dafür fünf Fraktionsgeschäftsführer. Kunststück, bei einem Bankchef, der mit seinem Gehalt dem Regierenden weit davongelaufen ist.

Hat die - politische - Freundschaft wegen der Parteispendenaffäre nun einen irreparablen Knacks bekommen? Schwer zu sagen bei der Schweigsamkeit der beiden, wenn es ernst wird. Natürlich musste Diepgen den Freund drängen, als Bankchef auszuscheiden. Es war die Pflicht des Regierenden Bürgermeisters, damit die Bank ihre Arbeit "ohne Spekulationen, Verdächtigungen oder Komplikationen" tun kann, wie er dem Tagesspiegel sagte. Das war eine kalkulierte Absetzbewegung, denn Diepgen will nicht im Strudel der ganzen Affäre untergehen.

Andererseits hängt Diepgen zu sehr an alten Vertrauten, als dass er ohne Not auf den treuen, hilfreichen Fraktionschef Landowsky verzichten würde. Nur: Wenn alle Stricke reißen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als nüchtern einen Schnitt zu machen. Das weiß Landowsky, man kennt sich durch und durch. Der Abschied von der CDU-Macht über die Stadt wäre für Landowsky schmerzhafter als der von der Bank. Doch nicht nur er hat mit den Jahren politisches Sendungsbewusstsein verinnerlicht. Kurzum, wenn es ums Überleben geht, trennt sich der kühle Diepgen eher kalkuliert von Landowsky als der emotionale Landowsky von Diepgen.

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