Berlin : Der Glenn Miller aus Pankow

Andrej Hermlin liebt den Swing – in der Musik wie in der Mode. Jetzt hat er eine neue CD produziert

Heidemarie Mazuhn

Ohne Schlips will der kleine David nicht aufs Foto. Papa soll ihm beim Binden helfen. Seinen liebsten Anzug trägt der Vierjährige schon – einen dunkelblauen mit Nadelstreifen. „Den habe ich ihm vor paar Wochen geschenkt“, sagt der stolze Vater. „Seitdem würde er am liebsten darin schlafen.“ Auch Andrej Hermlin empfängt seine Gäste in seinem Lieblingsoutfit, einem Zweireiher im Stil der 30er und frühen 40er Jahre. Exakt 13 Zentimeter breit sind die Revers an dem nostalgischen Stück im Glencheckmuster.

Im Stil der 30er präsentiert sich der Musiker auch wieder auf seinem neuestem Album. „In the mood – a tribute to Glenn Miller“ heißt die CD, die er mit seinem Swing Dance Orchestra aufgenommen hat. Ab 27. Dezember ist sie im Handel. Live kann man den musikalischen Tribut des deutschen „King of Swing“ zum 100. Geburtstag des amerikanischen Bandleaders auch erleben. Nach Weihnachten spielt er mit seinen 23 Musikern im Schauspielhaus und im Nikolaisaal in Potsdam. Wie überhaupt der Dezember ein Monat ist, an dem der kleine David und seine einjährige Schwester Rachel-Iman oft ohne Gutenacht-Kuss vom Papa ins Bett müssen.

Andrej Hermlin, Sohn des Dichters Stephan Hermlin, ist gut im Geschäft – „Christmas in Swing“ präsentierte er in der Vorweihnachtszeit im Schauspielhaus, in der Philharmonie und im Prinzregententheater München. Sein größtes Erlebnis hatte der Bandleader in diesem Jahr aber in Amerika. Im Juni nahm das Swing Dance Orchestra in Glenn Millers Geburtsort Clarinda in Iowa an den Feierlichkeiten zu dessen 100. Geburtstag teil. Beim Abschlusskonzert an originalen Musikpulten der Glenn Miller Band zu spielen – für den gebürtigen Pankower war es unvergesslich.

Dabei hat der Absolvent der Musikhochschule „Hanns Eisler“ seine Publikumsweihen im Geburtsland des Swing längst hinter sich. Er trat schon als einziger ausländischer Gast beim New Yorker „Midsummer Night Swing“ am Lincoln Center auf; auch im Hotel Pennsylvania, das durch Glenn Millers Hits bekannt ist und im berühmten „Rainbow Room“ des Rockefeller Centers. Auch zweimal im „Windows on the World“ hoch oben im World Trade Center. Da war es ihm ein Herzensbedürfnis, sich mit seinem Orchester an dem deutsch-amerikanischen Fest der Begegnung zu beteiligen, das die Berliner Privatinitiative „Welcome to Germany“ im Juli 2002 im New Yorker City Fire Museum organisierte.

Im April will er zu Verhandlungen wieder nach New York – diesmal darf Sohn David mit. Der hämmert selbst schon begeistert auf seinem Schlagzeug herum – in seinem Kinderzimmer, das einst das von Andrej Hermlin war. Der Musiker hat im Sommer die Pankower Villa gekauft, in der er 1965 geboren wurde und sein Vater 1997 starb. Mit seiner russischen Mutter Irina teilt er sich seit wenigen Monaten das Haus, in dem jeder Raum Erinnerung ist.

„Meine Großmutter Lola Leder, von Max Liebermann gezeichnet“, zeigt er auf ein Bild im Salon, in dem 1976 sein Vater Stephan Hermlin mit anderen DDR-Intellektuellen die Resolution gegen die Ausbürgerung Biermanns besprach. Der Vater würde sich freuen, ginge er heute durch das Haus. Das hat der Sohn passend zum Baujahr 1927 möbliert: Bauhaus und Art déco, wohin man blickt und perfektionistisch bis ins Detail vom Haarföhn, Teekochautomat bis hin zu den originalen Porzellanlichtschaltern.

Ehefrau Joyce bringt mit ihrer exotischen Schönheit etwas Wärme in die sachliche Wohnpracht – mit der Kenianerin ist Andrej Hermlin seit 2001 verheiratet. Was das Weihnachtsfest im Haus Leder-Hermlin auch sprachlich multikulturell werden lässt. Das Ehepaar unterhält sich auf Englisch, Papa mit den Kindern auf Deutsch und mit seiner Mutter auf Russisch. Demnächst kommt noch Kisuaheli dazu – die junge Familie baut sich im Sommer ein Haus – im Heimatdorf von Joyce bei Nairobi. „Ich habe viel Glück gehabt“, sagt Andrej Hermlin, der 2005 40 wird. „Alle Träume haben sich bisher erfüllt, auch die, die ich nicht hatte.“

27. Dezember, 20 Uhr, Schauspielhaus, 29. Dezember, 20 Uhr, Nikolaisaal Potsdam, Kartentelefon 308 785 685.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben