Berlin : Der Hund stammt vom Affen ab

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem Haustier Eine intelligente Katze wie Frau Hoffmann erkennt man daran, dass sie geradezu süchtig nach einem intellektuellen Diskurs ist. Sie kann es gar nicht erwarten, bis ich jetzt am frühen Nachmittag die Augen aufmache, und schon fragt sie mit erhobener Kralle: „Stammst du vom Affen ab?“

Natürlich kennt sie die amerikanische Diskussion über den ethischen Wert der weißen, protestantischen US-Bevölkerung und deren Gründung durch den himmlischen Schöpfer. Sie würde ihre Frage auch dem Präsidenten der USA stellen, wenn dessen Sheriffs sie ins Land ließen. (Sie hat persische Vorfahren.) Also stehe ich ihr Rede und Antwort: „Wahrscheinlich ja; wenn man den Darwinisten glaubt.“

„Und glaubst du den Darwinisten?“

„Warum nicht? Hast du die neue Regierung gesehen?“

„Ich stamme jedenfalls nicht von den Affen ab“, versichert sie mir und leckt sich das Fell. Mir fällt ein, dass auch Affen sich gerne und häufig das Fell lecken. Aber ich verschweige meine Gedanken und sage vorsichtig: „Affen sind sehr intelligent!“

Sie verzieht das Gesicht. „Ja. Hab ich im Fernsehen gesehen. Sie lassen sich Babykleidung anziehen und hüpfen herum wie Negerdarsteller in alten Stummfilmen. Sehr intelligent!“

Mir ist im Moment nicht klar, ob das Wort „Neger“, wenn eine Katze es benutzt, ebenso politisch unkorrekt ist, wie wenn ein Yankee „Neger“ sagt. Ich locke sie von dem heiklen Thema weg und frage: „Wenn du nicht von den Affen abstammst wie ich, wovon dann?“

„Ich bin jedenfalls kein Produkt eines intelligenten Schöpfers wie Herr Bush. Wir Katzen stammen von einer Urkatze ab, und von sonst nichts.“

„Einverstanden“, beruhige ich sie. „Aber die Urkatze, wo kam die her?“

Sie muss sich erst gründlich putzen, bevor sie antwortet. „Die kommt von dort, woher auch euer Wotan stammt.“

„Hm.“ Ich hätte die Wiege der Katzen nicht so weit nördlich vermutet: Hunde, ja…“

Sie springt auf, und ihr frisch gebürstetes Fell sträubt sich: „Hunde??? Die kommen direkt aus der Hölle!!!“

„Oder sie stammen von den Affen ab“, versuche ich ihre Wut zu mildern. Ebenso vergeblich wäre es, „Bild“ von der Affenabstammung der Linkspartei zu überzeugen: „Aus der Hölle“, dabei bleibt sie. Und dann fügt sie hinzu, dass sie Hunde gesehen habe, die sich wie Menschen verkleidet hatten. „Mit Hut, Brille und Pfeife! Ab-scheu-lich!“ Frau Hoffmann ist in vielen Fragen eine Fundamentalistin reinsten Wassers. Manchmal aber beweist sie eine unerklärliche Toleranz. Zum Beispiel, wenn sie mit mir in den Weinkeller geht. Sie weiß selbstverständlich, dass oben unter der Gewölbedecke die Fledermaus hängt, wirft auch schon mal einen Blick nach oben. Aber nie klappern ihre Zähne vor Jagdgier, wenn wir den passenden Wein zum Mittagessen aussuchen. Sitzen wir dann jedoch beim Essen, und es landet eine Taube auf dem Balkon unter uns, möchte sie sich am liebsten in die Tiefe stürzen und die Federn ins All fetzen. Dann erinnert sie mich an den Fuchs und die sauren Trauben oder, ins Menschliche transponiert, an Oskar Lafontaines Toleranz gegenüber Gregor Gysi.

„Eine so kluge Katze wie du“, locke ich sie aus der Reserve, „macht sich doch Gedanken darüber, ob ihre Intelligenz von Anfang an da war, oder ob sie sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat.“

„Was willst du noch lernen, wenn du einmal begriffen hast, dass Mäuse bekömmlich sind und Hunde das Gegenteil davon?“

Eine gute Frage. Ob deutsche Wähler ähnlich gefragt haben, als sie zur Wahl gingen? Nicht immer besteht die Alternative aus Mäusen und Hunden. Auch Affen haben ein Wort mitzureden, wie wir erfahren haben. Es ist alles eine Frage des Standpunkts. Für Frau Hoffmann ist das nichts Neues. Sie gähnt.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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